Wie wollen wir leben und arbeiten?

Wir stehen heute an einem Scheidepunkt. Wir haben die Möglichkeit, Zukunft zu gestalten: wie wollen wir leben, wie wollen wir arbeiten?
In der Vergangenheit haben technische Innovationen nicht nur zu mehr Wohlstand, Arbeitsplätzen und einer befriedigenden Gesundheits-versorgung (zumindest in Europa) geführt, sondern auch zu einer immer größeren Spreizung zwischen Gesellschaften (z.B. innerhalb der EU) und innerhalb von Gesellschaften (z.B. innerhalb von Deutschland) und zu einer dynamisierten Naturzerstörung, die uns unter dem Stichwort „Klimawandel“ begegnet.

Es sind nicht allein die technischen Innovationen, die zu einer Verbesserung von Wohlstand, einem Mehr an Arbeitsplätzen und einer zufriedenstellenden Gesundheitsversorgung geführt haben. Demokratiebewegungen wie z.B. die Märzrevolution von 1848 (Stichwort: Paulskirche) und die Arbeiterbewegung (Stichwort: Arbeits- und Gesundheitsschutz, Arbeitszeitregelungen, Mitbestimmung) haben an den heutigen guten Arbeitsbedingungen in den „traditionellen“ Industrieländern ihren Anteil.
Auch „Klimawandel“ oder „Klimakrise“ führte in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu sozialen Bewegungen und zu einer Minderung der Naturbelastung (z.B. Waldsterben, saurer Regen, Flüsse, in denen man besser nicht schwamm – technische Innovationen in der chemischen Industrie und der Fahrzeugindustrie trugen mit dazu bei, dass die Flüsse heute wieder sauberer sind und die Wälder sich zu erholen schienen).

Gesellschaften und Industrien können daraus lernen, dass aktives Handeln zu Nachhaltigkeit und ein gutes Leben führen können.
Arbeitszeit, Qualität der Arbeit, Lebens- und Wohnqualität in Städten und ländlichen Regionen, Mobilität und soziale sowie Naturfürsorge sind die Themen, die wir zwischen den Generationen auszuhandeln haben

Mehr wissen: info@guenter-schnelle.de

 

Die große Transformation

Die große Transformation

Wie wollen wir leben und arbeiten? In den vor uns liegenden Jahren, sagen wir bis 2025 / 2030, werden die Weichen für die kommenden 30 - 40 Jahre gestellt. Es ist die Rede von einer großen Transformation. Zur Erinnerung: Als große Transformation beschreibt der Wirtschaftshistoriker Karl Polany die radikale Veränderung von der Allmende zur Manufaktur und zur Fabrik.

Acker- und Gartenbau, Jagd und Handwerk bestimmen Leben und Arbeit in dem vorindustriellen Gemeinwesen. Wer einen Hof besitzt, vererbt diesen in der Regel an den ältesten Sohn. Der Hof wirft nicht genug ab, um auch den zweiten oder dritten Sohn und ihre Familien zu ernähren. Diese wandern in die entstehenden Städte. Auch Handwerker verspüren die Energie, die von den größeren Ortschaften ausgeht. Handwerkliches Arbeitsvermögen trocknet in den Regionen aus.

Die Arbeit dient zum Zweck der Lebenserhaltung und wird als unnütze Mühsal, als Plackerei angesehen. Nichts, was man gerne macht.

Mit der beginnenden Industrialisierung, von Marx als „ursprünglichen Akkumulation“ bezeichnet, wird das vorläufige Ende des Müßiggangs eingeläutet. Feudale Gewalt treibt Bauern und Handwerker durch das so genannte „Bauernlegen“ in frühe Lohnarbeit. Immer mehr Menschen werden aus ihren Handwerksbetrieben oder aus der Gemeinschaft und dem gemeinsam bewirtschafteten Boden vertrieben. Das Gemeinwesen erlebt Zerstörung. Im Vereinigten Königreich sorgt der niedere Landadel für Vertreibungen von gemeinschaftlichen Produktionsstätten, um diese durch Einzäunung privatisieren zu können. Im England des 15. oder 16. Jahrhunderts werden offene Felder von Adeligen eingefriedet worden. Ganze Landstriche sind von Entvölkerung bedroht. Der österreichische K. Polany fasst das Geschehen zusammen: „Die Lords und Adeligen erschütterten die soziale Ordnung, brachen altes Gesetz und Sitte, manchmal mit Gewalt, häufig durch Druck und Einschüchterung.“
Häuser werden zerstört, Arbeitsplätze in den ländlichen Regionen gehen verloren und Lebensmittel werden knapp. Hunger, Not und Krankheit brechen aus.
Wer nicht freiwillig in die Fabrik marschiert, dem wird mit Peitschenhieben nachgeholfen seinem Zwölfstundentag nachzugehen. Es ist die Geburtsstunde von Arbeitszwang, hierarchischen Kommandostrukturen und der Disziplinargesellschaft.
Der Hannoveraner Soziologe O. Negt kommentiert den Prozess mit den Worten: „Wir wissen, dass die Anfänge der Verinnerlichung des Arbeitszwangs mit Blut und Feuer in die Annalen der Geschichte eingeschrieben ist. 72000 Menschen, die ihre Handwerksbetriebe und Bauernhöfe verloren hatten, in die ihnen Freiheit versprechende Stadt gezogen waren und das Vagabundendasein der trostlosen Arbeit in den neu entstandenen Manufakturen vorzogen oder auch keine Arbeit fanden, hat Heinrich VIII. um 1530 aufhängen lassen. Königin Elisabeth I. ordnete um 1572 an, Bettler ohne Lizenz und über 14 Jahre sollten hart gepeitscht werden und am linken Ohrlappen gebrandmarkt werden....; aber vielfach  waren es auch die von ihrem Handwerksbetrieb, vom Boden und Gemeinwesen Vertriebenen, die nicht wollten.“

Der Stellenwert der Arbeit ändert sich erst im 15. Jahrhundert gravierend. Sie wird allmählich etwas Ehrvolles. Für Martin Luther gehört selbst die quälendste Arbeit zur Natur des Menschen. Bis ins 17. und 18. Jahrhundert hinein wird das Verhalten und Denken der ehemaligen Bauern, Handwerker und Tagelöhner bearbeitet, bis eine verlässliche Berufs- und Arbeitsmoral entsteht. Der Reformator Calvin ist der Auffassung, dass Arbeit eine Pflicht sei, der sich niemand entziehen dürfe. Gehorsam, Fleiß, Disziplin bis zur Selbstkasteiung,  Genügsamkeit, Sparsamkeit und Dankbarkeit soll jeder als Prinzip dem Erlöser Jesus gegenüber befolgen. Als die schlimmste aller Sünden gilt fortan die Zeitvergeudung. Langer Schlaf ist das Synonym von Müßiggang.

Die wesentlichen Voraussetzungen für die Erste Industrielle Revolution sind geschaffen!

Literatur:
Polany, The Great Transformation – Politische und  ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystem, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 1978
Negt, Arbeit und menschliche Würde, STEIDL, 2001
Marx, Das Kapital, Dietz, 1970