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Betriebsräte in der digitalen Arbeitswelt

Informatisierung der Arbeit

Die Informatisierung der Arbeit beginnt spätestens in den 1970er und 1980er Jahren. Je nach Branche früher oder später. In der chemischen Industrie wird seit den 1960er Jahren mit Prozessrechnern gearbeitet. Die mechanische Produktion wird durch eine teilautomatische und später durch eine vollautomatische Produktion ersetzt.
In der Automatisierungswelle der 1980er Jahre sollen die technologischen Umbrüche durch Humanisierung der Arbeit, sozialverträgliche Technikgestaltung und schließlich mit Hilfe von Technologiefolge-abschätzungen gestaltet werden. Die Möglichkeiten, die in neuen Technologien stecken, müssen durch Gewerkschaften, Betriebsräte und Belegschaften realisiert werden.
Nur wer Chancen und Risiken erkennt, kann toxische Nebenwirkungen mindern. Das würde heißen, dass nicht Technik und Technologie die Treiber sind, sondern der handelnde und gestaltende Mensch Technik und Technologie nutzt, um gute Arbeit und eine gelingende Digitalisierung zu gestalten. Mitbestimmung ist daher der ausschlaggebende Rahmen in der Gestaltung.


Voraussetzungen schaffen

Die Voraussetzung einer gelingenden Digitalisierung sind die Prinzipien des Lean-Managements mit ganzheitlichen Produktionssystemen (GPS) oder Einzelkomponenten davon, wie Fließfertigung, Wertstromanalyse, 5-S-Verfahren (Ordnung und Sauberkeit) oder eine vorausschauende Instandhaltung. Ein Manufacturing Execution System (MES) sollte eingeführt sein und alle Unternehmensbereiche und -ebenen miteinander verknüpft sein. Handscanner, mobile Endgeräte zum Erfassen von Echtzeitdaten und menschengerechte, ergonomische Gestaltung der Maschinen zählen ebenfalls zu den Voraussetzungen.

Die Digitalisierung hat Auswirkungen auf den Arbeitsschutz, der noch immer zu sehr an stationäre Arbeit gebunden ist. Er wird sich zu einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess entwickeln mit einer proaktiven  Gefährdungsbeurteilung. Der zukunftsfähige Arbeits- und Gesundheitsschutz bindet auch die nicht stationäre Arbeit in einem kontinuierlichen Organisationsentwicklungsprozess ein. Die betriebliche Lohngestaltung, das Leistungsentgelt, Zielvereinbarungssysteme, Team- und Gruppenarbeit, KVP-Systeme, Ideenmanagement und Qualifizierung sind zu gestalten.


Fallen

Eine Falle bei der Einführung von digitalen, automatisierten und vernetzen Systemen ist die Fixierung auf Technik und Technologie. Ohne eine wie oben beschriebene Organisationsveränderung wird die Einführung fehlerhaft und defizitär bleiben.
Eine weitere Falle liegt in der Technik selbst. Unterschiedliche Programme, die nicht aufeinander abgestimmt sind, führen zu Wildwuchs, an dem jede Vernetzung scheitert.
Weitere Fallen warten in Matrixstrukturen und digitalen Belegschaften. Diese sind zersplittert und schwer erreichbar für klassische Mitbestimmungs- und Gewerkschaftsstrukturen.
In Matrix-Strukturen kann z.B. ein*e Mitarbeiter*in einen Arbeitsvertrag mit der Tochtergesellschaft eines US-amerikanischen Unternehmens abgeschlossen haben. Er*sie hat einen amerikanischen Vorgesetzten, der seine*ihre Tätigkeit vollständig bestimmt bzw. liegt die Personalverwaltung in der Verantwortung der US-amerikanischen Zentrale.
Wer einen Arbeitsvertrag abgeschlossen hat, ist Betriebsangehörige*r. Der Vertragsarbeitgeber mit Sitz in den USA nimmt eine formale Rolle ein. Wichtig ist, dass die Arbeit des Betriebsrates bei der Wahrnehmung seiner Mitbestimmungsrechte nicht beeinträchtigt wird.

Die Segmentierung und Individualisierung der Belegschaften erschweren eine Solidarisierung und kollektive Interessenvertretung sowie das Entstehen eines Wir-Gefühls.


Digitale Komponenten nutzen

Sowohl das Diensthandy wie das Internet werden flächendeckend genutzt. E-Mail wird in den meisten Firmen eingesetzt. Mehr als jeder vierte Betrieb verfügt über ein Intranet. Mit zunehmender Betriebsgröße steigt der Nutzungsgrad der Daten, Vernetzungen und Anwendungen zur Datengewinnung nehmen zu. Meist werden Roboter zur Unterstützung menschlicher Arbeit genutzt. Nur in wenigen Unternehmen ersetzen Roboter menschliche Arbeit, meist in der industriellen Produktion.

Die Möglichkeit, einzelne Arbeitsprozessschritte digital zu erfassen, findet in weniger als einem Fünftel der befragten Unternehmen statt. Die Daten dienen der Qualitäts-, Effizienz- und Kostenkontrolle.
Auftragsvergabe an Crowd- oder an Subunternehmen über das Internet nutzen Unternehmen bislang kaum, bei den unternehmensnahen Dienstleistern ist das Verfahren verbreiteter, ebenso bei den Branchen Verkehr und Lager.
Wie bei anderen technologischen Schüben ist auch bei der heutigen Form der Digitalisierung mit Rationalisierungseffekten und einem Wandel der Arbeitsanforderungen von weniger schwerer körperlicher Arbeit zu mehr mentalen Anforderungen zu rechnen.


Standort- und Beschäftigungssicherung

Im globalen muss der Standort gerechtfertigt und verteidigt werden gegenüber Standortkonkurrenz mit niedrigeren Lohn- und Arbeitskosten in der globalisierten Arbeitswelt und Auslandsfertigung. Geschäftsfelder liegen ebenso auf dem Prüfstand.
Ein Schwachpunkt bei der Beschäftigungssicherung ist immer wieder die mangelnde Qualifizierung mit systematischer Bedarfserfassung der Belegschaft.

Bei wechselnden Eigentümern, Standortleitern und Führungskräften sind Betriebsräte die Konstante am Standort und für Unternehmenskultur. Die digitale Arbeitswelt benötigt, gleich ob Start up, Mittelstand oder Konzern die Beteiligung der Belegschaft bei Veränderungsprozessen und ihre Veränderungsakzeptanz, um die Digitalisierung erfolgreich durchzuführen. Betriebsräte stehen in diesem Prozess für Gerechtigkeit, Verantwortung, Kreativität und Vielfalt. Betriebsräte treiben beteiligungsorientierte Innovationen voran und erhöhen Umsetzungschancen. Sie organisieren Beteiligung und konzentrieren die vielfältigen Stimmen der Belegschaft, um bei Entscheidungen konstruktiv mitwirken zu können.

Betriebsräte engagieren sich für Gerechtigkeit am Arbeitsplatz und Fairness. Kollektive Interessenvertretung durch Betriebsräte sorgt für  Verfahrensgerechtigkeit und sichert somit die Gleichbehandlung der Beschäftigten ab. Dies ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass Beschäftigte nicht nur als Produktivfaktor wahrgenommen werden, sondern auch als eigenständige Persönlichkeiten, die ernst genommen werden und sich einbringen w