Einleitung

Spurensuche: das gute Leben
 
Das gute Leben – eine Spurensuche. Wenn ich Sie frage, was ein gutes Leben ist, erhalte ich sicher eine gute und fundierte Antwort. Frage ich eine zweite, eine dritte Person fallen die Antworten vielleicht ähnlich, möglicherweise grundverschieden aus. Die Antwort einer jungen Demonstrantin bei einer „Fridays-for-Future-Kundgebung“ wird sicher anders sein als bei einem begeisterten Fahrzeughalter, der in einer ländlichen Region wohnt. Für einen Stadtbewohner ist das gute Leben etwas Anderes als für einen Menschen, der die Weite von Landschaft und Heimat schätzt. Eine Ingenieurin hat andere Vorstellungen vom Leben als ein Reinigungsfachmann. Meine Ideen von einem guten Leben weichen vermutlich denen meiner Nachbar*innen ab.
Welches Problem löse ich mit meiner Spurensuche nach dem guten Leben?
Ich hoffe, Erkenntnisse zu gewinnen mit deren Hilfe ich mein Verständnis von einem guten Leben konkretisieren kann und die meine Wahrnehmung für Spuren des guten Lebens schärfen.
Zunächst tauchen eine Reihe von Fragen auf, die ich während der Spurensuche beantworten möchte:
Welche Bedeutung haben individuelle Freiheit und Solidarität in der Gemeinschaft für ein gutes Leben?
Was macht Wohlstand aus?
Ein steigendes Bruttoinlandsprodukt, Verfügbarkeit über alle erdenklichen Ressourcen?
In welchem Zusammenhang stehen Arbeit und Konsum zum guten Leben?
Wie vertragen sich nachhaltiger Naturverbrauch und das gute Leben?
Ist bei immer weiter zunehmende Verteilungsungleichheit ein gutes Leben überhaupt möglich?
Mich interessiert der Zusammenhang von gegenseitiger Anerkennung, individuellen Freiheitsansprüchen und demokratischer Entwicklung vor dem Hintergrund der Covid-Krise, der drohenden Klimakatastrophe und der Transformation vom fossilen Zeitalter zum nachhaltigen Zeitalter?
Wie soll gewirtschaftet, gelebt, gearbeitet werden? Welche sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Kipppunkte könnten zu kritischen Entwicklungen führen, an deren Ende ein dystopisches Szenario stünde?
 
 
Was ist eine Transformation?
 
Wer heute eine Zeitung aufschlägt, eine Nachrichtensendung schaut oder eine Radioübertragung verfolgt, wird „Transformation, Wende oder Wandel“ aufschnappen.
Eine Transformation kennen wir z.B. aus der Technik, der Natur oder von betrieblichen Veränderungsprozessen. Transformation bezeichnet eine Umformung oder Verwandlung  eines Zustandes in einen anderen. Bekannt ist der Elektro-Transformator als Umspanner, der z.B. eine hohe Eingangsspannung in eine niedrigere Ausgangsspannung verwandelt. Wird aus einer Raupe ein Schmetterling, liegt ein biologischer Transformationsprozess vor. Eine andere Bezeichnung für eine Transformation lautet „Metamorphose“.
Eine Transformation benennt demnach eine Zustandsveränderung.
Der Übergang von der Jäger- und Sammlergesellschaft zur Gesellschaft der Landwirte und Viehzüchter war eine frühe gesellschaftliche Transformation. Diese Transformation, stellt der französische Historiker Testot fest, war weltweit.
Die Transformation, um die es mir zunächst geht, ist die Transformation der Agrargesellschaft zur Erwerbsgesellschaft. Die Transformation gelang, weil unter Tage Metalle und fossile Energieträger geborgen und genutzt wurden, um Industrien, Städte und Verkehrsmittel mit Rohstoffen zu versorgen.
Unter Tage steht für Malochen im Bergbau, in Stollen und Schächten. Unter Tage wartet Metalle darauf, geschürft zu werden. Unter Tage lassen sich fossile Energieträger finden. Kohle, der wir heute menschengemachte Klimaveränderungen verdanken, ist pflanzlichen Ursprungs. Baumhohe Farne wurden mit Wasser bedeckt, so dass sich Torfmasse bilden konnte. Über diese lagerten sich Schlamm und Sand ab. Der entstehende Druck presste die unteren Schichten zu Kohle zusammen.
Erdöl hatte seinen Ursprung im abgelagerten Plankton, das in gigantischen Mengen auf den Meeresboden gesunken war. Ähnlich wie bei der Entstehung von Kohle setzte sich Schicht um Schicht darauf, so dass sich unter hohem Druck und Wärme Erdöl bildete.
Erdgas, der dritte wichtige fossile Energieträger, wiederum entsteht ähnlich wie Kohle und Erdöl, mal mit ihnen gemeinsam, mal für sich.
Die Natur hatte mit ihren Wirkkräften Druck und Wärme die Ressourcen für das fossile Zeitalter bereit gestellt.
Die Erwerbsgesellschaft befindet sich in einer Transformation, deren Ergebnis (noch) nicht sichtbar ist. Ressourcen der Erde sollen künftig geschont, Nachhaltigkeit bedacht und das Erderwärmung im Blickfeld sein. Es gilt, Ungleichheit zu verringern, Armut zu bekämpfen, Freiheit zu wahren und Demokratie auszuweiten.
Mein Buch gliedert sich in drei Teile. Den ersten Teil beginne ich mit der Transformation der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft und welche ideologischen Konzepte mir bei der Einführung der Industriegesellschaft wichtig erscheinen, fahre fort mit einem Blick auf die frühe Industrie- oder Disziplinargesellschaft, leite über zur Erwerbs- und Leistungsgesellschaft und der neoliberalen Leistungsgesellschaft. Abgerundet wird der erste Teil mit einem Streifzug durch den internationalen Handel und der Globalisierung.
Im zweiten Teil folge ich der Frage, welche Konsequenzen sich aus diesem Prozess ergeben. Mein Weg führt mich über Naturverbrauch, Klimakatastrophe und Verteilungsschere zu Problemen, die sich aus Konsum- und Marktnutzung ergeben, um dann zum Überwachungskapitalismus überzuleiten.
Der zweite Teil wird abgerundet mit einer Aufsummierung potenzieller Wachstumshemmer und endet  mit den Kondratieff-Zyklen, von denen der VI. Zyklus, an dessen Anfang wir uns befinden (sollen). Der VI. Kondratieff-Zyklus soll eine lange Welle von Innovation, Wohlstand und gutem Leben mit sich bringen, auf dessen Chancen und Grenzen ich näher eingehen werde.
Im dritten Teil beschäftigt mich die Frage, welche Alternativen es geben könnte zu dem Modell des VI. Kondratieff-Zyklus, wie also eine Transformation aussehen kann, die ein anderes Szenario vorsieht als Wohlstand durch Wachstum. Ich beginne mit der Arbeitswelt in der Transformation, Mentalen Infrastrukturen – ich bediene mich hier eines Begriff des Sozialpsychologen Harald Welzer – und digitaler Ethik, setze mich mit Arbeit der Zukunft unter der Begrifflichkeit Humanisierung der Arbeit oder die menschenleere Fabrik auseinander, plädiere für Zeitwohlstand, Anerkennung und Gerechtigkeit, um mich abschließend mit Wirtschaftswachstum und Gemeinwohl zu befassen.

Stand: 24.02.2022
 
 
 

 

Die große Transformation

Feuer, Werkzeug und andere Innovationen
 
Das gute Leben hat in grauer Vorzeit einen verlässlichen Energieträger in Form von Sonnenenergie bzw. Biomasse zum Verbrennen benötigt. Um die Unsicherheit des täglichen Lebens überwinden zu können, benötigten unsere Ur-Urahnen Kenntnisse von Zubereitung und Lagerung von Nahrungsmitteln. Werkzeuge zum Ackerbau und der Jagd unterlagen ebenso einer ständigen Optimierung wie die Kommunikations- und Informationsmittel, von der mündlichen Überlieferung bis zur Schriftsprache. Neben dem Feuer war das Rad eine Optimierung, die für Landwirtschaft und Transport unerlässlich wurde.
 
Allmende – Arbeiten und leben in Gemeinschaft
 
Unsere Ur-Urahnen, die Germanen, lebten meist in einer Allmende. Die Mitglieder einer Allmende kannten kein Privateigentum, wohl aber Besitz. Ein Besitz war z.B. die Herrschaft über das Haus, in dem die Familie lebte. Das gängige Produktionsmittel, die Weide, der Wald oder der Acker, gehörte als Gemeinschaftseigentum der Allmende. Für den Moment der Bearbeitung wurde das Gemeinschaftseigentum Privateigentum desjenigen, der den Boden bearbeitete. Das führte dazu, dass die Gemeinschaft darüber wachte, dass keine Übernutzung des Bodens stattfand. War der Acker oder die Weide erschöpft, zog die Gemeinschaft weiter. Aus dem Vereinigten Königreich ist überliefert, dass jeder freie Mensch sich brach liegender Produktionsflächen bedienen durfte. Voraussetzung war, dass niemand geschädigt wurde. Ohne Zweifel lassen sich in der Allmende Spuren eines guten Lebens finden: Solidarität in Form gegenseitiger Unterstützung, Selbstbestimmungsrechte und ökologisches Handeln in der Landwirtschaft.
 
Lehns- und Feudalsysteme
 
Die Mitglieder der Allmende lebten selbstbestimmt und trafen sich regelmäßig zur einer Vollversammlung. In dieser wählte die Gemeinschaft ihren Anführer. Je mehr sich der Kontakt mit den Römern ausweitete und je mehr die christianisierten Franken die Herrschaft übernahmen, desto feudaler wurde die Ordnung. Lehns- und Feudalsysteme sorgten für neue Ordnungssysteme. Feudale Herrschaftsstrukturen begannen sich neben Freien und Halbfreien zu etablieren. In dieser Zeit bildete sich eine Art „feudalistischer Gesellschaftsvertrag“ aus. Statt gegenseitige Anerkennung und Solidarität galt jetzt Unterwerfung unter den Feudalherrn und Schutz durch ihn als Prinzip. Selbstbestimmung und Solidarität blieben auf der Strecke in dem entstehenden Lehns- und Feudalsystem. Wenn überhaupt, stand für ein gutes Leben der feudalistische Gesellschaftsvertrag.
 
Arbeit, nichts als Arbeit
 
Der Stellenwert der Arbeit veränderte sich vom antiken Athen (Arbeit ist eine Tätigkeit für Sklaven) über das Römische Reich (Arbeit ist so lala, Handwerk ist akzeptabel, nur schmutzig darf es nicht sein) bis ins frühe Mittelalter. Im Kloster hieß es, Arbeit solle schwer und gottgefällig sein und nicht bezahlt werden, während Kaufleute bald das Leistungsprinzip in den Vordergrund rückten. Das Handwerk erfuhr eine erhebliche Aufwertung und entwickelte sich nach und nach zu künstlerischen Fähigkeiten. Ein Blick auf das gute Leben lässt ahnen, dass Arbeit noch lange nicht Selbstzweck war, sondern Mittel zum Zweck und dass Arbeitszeit und soziale Zeit halbwegs ausgeglichen waren.
 
Hunger, Not, Seuche und Innovation
 
Ein klimatischer Einbruch sorgte im 14. Jahrhundert für eine spürbare Kältewelle, die nicht folgenlos blieb. Überhaupt durchzogen das Mittelalter  eine Reihe von landwirtschaftlichen Krisen, Hungersnöten und Seuchen. Die Verteilungsschere zerschnitt die mittelalterliche Gesellschaft ähnlich wie die heutige. Wer arm war, litt mehr und riskierte früher zu sterben.
Die Pest rottete die Hälfte der europäischen Bevölkerung aus. Ähnlich wie in der heutigen Corona-Pandemie mussten während der Pest die Juden als Sündenböcke erhalten. Verschwörungsmythen grassierten in den Gassen.
Bemerkenswert ist, dass durch die Halbierung der Bevölkerung Arbeitskräfte knapp waren und die Löhne stiegen. Kaufleute wie die Fugger aus Augsburg, ursprünglich in der Landwirtschaft tätig, entdeckten die Textilwirtschaft für sich. Der Kaufmann beauftragte einen Handwerker für ihn in Heimarbeit tätig zu werden. Ihr Kapital war für die Kaufleute ein Trumpf gegenüber den Handwerkern, die von Kunsthandwerkern zu Auftragshandwerkern transformierten. Das Kaufmannskapital stand jetzt auch für den Bergbau, die Metallbearbeitung und das Hüttenwesen zur Verfügung. Es diente zudem der Geldschöpfung in Form von Krediten.
Die Fugger besaßen durchaus eine soziale Ader und sorgten als frühe Philanthropen für Sozialwohnungen, in denen z.B. verarmte Handwerker leben durften.
Das Mittelalter war nicht nur ein finstere, dunkle Epoche, von Seuchen, Nöten und Kriegen durchdrungen, sondern auch eine Zeit der Erfindungen. Wasser- und Windmühlen, die Seidenspul-maschine, der Blockdruck, das Spinnrad,  verglaste Fenster und vor allem die mechanische Uhr als Grundvoraussetzung für synchrones Arbeiten in den späteren Fabriken waren Errungenschaften, die immer weiter optimiert wurden.
Handel und Technologietransfer fand zwischen den großen Städten Süddeutschlands wie Nürnberg und Augsburg sowie Florenz und Venedig statt.
Daraus lässt sich ableiten, dass weder alle Regionen noch alle gesellschaftliche Schichten von Seuchen und Nöten betroffen waren.
Fraglos ist das Mittelalter und die darauf folgenden Epoche der Renaissance mit ihren Entdeckern, Innovatoren und Reformatoren eine Fundgrube für Spuren des guten Lebens: die Uhr als Beispiel für innovative Messinstrumente, der Buchdruck, der überregionale Handel und Formen von Wasser- sowie Windenergie waren wegweisend.
 
Arbeits- und Lebenswelten im Mittelalter
 
Städte wurden gegründet und mit ihnen Stadträte. Freie und Unfreie lebten mit Feudalherrn in scher überschaubaren Abhängigkeitssystemen. Noch immer galt der „feudalistische Gesellschaftsvertrag“. Herrschaft hatte Fürsorgepflichten und politische Rechte.
Neben den Handwerkern, Bauern und Kaufleute lebten in vielen Städten des damaligen Europas, z.B. in Brügge oder Antwerpen Frauenwohngemeinschaften, die so genannten Beginen, auf Beginenhöfen. Aber auch in Hamburg oder Hannover lebten Beginen. Teilweise wurden sie von reichen Philanthropen gesponsert, hatten aber auch eigene Einkünfte aus Eigentum, Rente oder Arbeit.
Auch die Allmende, das gemeinschaftliche Wohnen und Arbeiten, hatte in Teilen überlebt. Sie teilten Informationen und kommunizierten, praktizierten kooperative Wirtschaftsformen, verfolgten kollektive Versorgungsstrategien und nutzten Ressourcen gemeinschaftlich. Was heute als „Sharing-Economy“ gefeiert wird, hatte es bereits im Mittelalter gegeben.
Eine weitere Wohn- und Lebensform war die des „Ganzen Hauses“, das man sich als ein hierarchieübergreifendes Mehrgenerationenhaus mit Home-Office-Charakter vorstellen kann. Verfügten Bewohner des „Ganzen Hauses“ nicht über genügend landwirtschaftliche Fläche, so mussten sie, um über die Runden zu kommen, Lohnarbeit angenommen werden.
Im Gegensatz zu „Ganzen Haus“ besaßen die so genannten „Häusler“ entweder zu wenig oder gar kein Grund und Boden, so dass sich ihre Bewohner als frühe Lohnarbeiter verdingen mussten.
Ergänzt wurde diese frühe Lohnarbeit durch „Mobile Arbeit“, d.h. Menschen kutschierten im Planwagen, der gleichzeitig Küche, Schlafstätte und Arbeitsort war, durch Europa.
Bezugspunkte zum guten Leben finden wir in der frühen Share-Ökonomie und in kooperativen Wirtschafts- und Lebensformen.
 
Gemeinsame Märkte
 
Auf dem Markt im Mittelalter wurde getauscht und gehandelt. Mit dem entstehenden Kaufmannsmarkt nahm die Kommerzialisierung zu. Insbesondere über überregionale Handel wurde zunehmend über Kredite finanziert – ein Vorgriff auf das kreditfinanzierte Wachstumsmodell des Kapitalismus. Die Kreditspanne lag zwischen 10 und 40 Prozent. Das bedeutete, wer wenig hatte, lief Gefahr, vom Handel ausgeschlossen zu
werden. Ein Teil der Kreditgeber Norditaliens engagierte sich entschlossen für Klein-oder Mikrokredite, die keineswegs im 20. Jahrhundert erfunden wurden. Die betreffenden Kreditnehmer vermochten mit Hilfe des Mikrokredits Kleidung oder andere Waren herzustellen.
Die Sicherstellung der Marktteilnahme und das Bereitstellen von zinsgünstigen Kleinkrediten zählt fraglos zum guten Leben. Von den heutigen Finanzmärkten ist ein erheblicher Teil der Bevölkerung ausgeschlossen. Das lässt vermuten, der heutige Finanzmarkt hat einen ausschließenden Charakter.
 
Bauernlegen und andere Raffinessen
 
Beginnend im 15. oder 16. Jahrhundert, bis weit ins 19. Jahrhundert, durchzogen Europa Bauernkriege, Aufstände und Vertreibungen.
Im Vereinigten Königreich und später auch in Regionen Deutschlands wurden Handwerker und Bauern von ihrem Gemeinschaftseigentum von Feudalherrn vertrieben. Die Adeligen zäunten das Land ein, privatisierten es so und machten aus Acker- und Gartenland Weiden, auf denen sie Schafe weiden ließen. Die Wolle der Schafe wurde an die entstehende Textilindustrie verkauft.
Ganze Landstriche wurden durch dieses „Bauernlegen“ entvölkert. Der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi spricht davon, dass die soziale Struktur zerbrach. Gemeinschaftseigentum wurde zu Privateigentum und durch Rechtstitel und Rechtsprechung geschützt. Der bis dahin gültige „feudalistische Gesellschaftsvertrag“ löste sich in Luft auf. Im späteren Deutschland wurden „Häusler“ vertrieben.
Bis heute hält sich der Mythos, dass der einzelne Eigentümer besser für eine Sache sorge, wenn er es besäße und vererben könne. Diese These stützt ein 1968 erschienener Aufsatz mit dem Titel „Tragik der Allmende“ des Biologen und Ökologen Garret Hardin. Er vermutete, dass einzelne Mitglieder der Allmende das Gemeinschaftseigentum übermäßiger nutzten.
Bis heute ist die Doktrin gültig, dass Privateigentum Ressourcen besser schütze als Gemeinschaftseigentum.
Die „freigesetzten“ Bauern und Handwerker waren jetzt Produktionsmittel und Erwerbsmöglichkeiten. Sie zogen als Bettler, Vagabunden, Diebe und Räuber durch die Gegend. Heinrich VIII. kam um 1530 auf die Idee, Bettlerlizenzen zu vergeben. Wer schwach, alt und gebrechlich war, durfte als anständiger Bettler betteln, wer arbeiten konnte und nicht wollte, galt als Sozialbetrüger. Sozialbetrüger hielten ihre Arbeitskraft zurück und gehörten bestraft. Wer sich nicht fügte, wurde ausgepeitscht oder erhängt. Polanyi nennt diesen Prozess „Die große Transformation“ und Karl Marx die „ursprüngliche Akkumulation“: Gemeinschaftseigentum wird zu durch Rechtstitel geschütztes Privateigentum. Wer vertrieben worden ist, ist jetzt weder Leibeigner noch verfügt er über Grund und Boden, ist also eigentumslos. Er ist im Sinn von Marx doppelt frei und steht als freier Lohnarbeiter dem Arbeitsmarkt zur Verfügung.
Die Zerstörung von Gemeinschaftseigentum und gewachsener Arbeits- und Lebenszusammenhänge sowie die Vertreibung von Bauern und Handwerkern aus ihren vertrauten Regionen führte zu einer Auflösung des feudalistischen Gesellschaftsvertrags, zum doppelt freien Lohnarbeiter und rechtlich abgesichertem Privateigentum. Das, was wir heute als selbstverständlich für unser heutiges gutes Leben ansehen, ist das Ergebnis der großen Transformation (K.Polanyi).
 
Die erste Phase der Kolonisierung
 
Die erste Phase der Kolonisierung setzte um 1500 ein, als europäische Abenteurer, gern als Entdecker bezeichnet, westindisches Territorium betraten. Damit begann die Ausrottung vieler indigener Völker mit Waffengewalt oder Seuchen. In ihren Raubzügen stahlen die Eroberer Gold und Silber, das die europäischen Mächte benötigten, um aus China Kostbarkeiten wie Porzellan oder Seide bezahlen und importieren zu können.
Im 16. und 17. Jahrhundert konkurrierten 1602 die niederländische Kolonialhandelsgesellschaft „Vereenigde Oost-Indische Compagnie“ gegen die englische »English East India Company“ um die Vorherrschaft des damaligen globalen Handels. Stoffe aus Indien hatten nicht nur bessere Qualität, sie boten auch auf Grund der niedrigeren Löhne in Indien Wettbewerbsvorteile gegenüber der entstehenden englischen Textilindustrie. Die niederländischen und englischen Handelsgesellschaften brachten bis zum 18. Jahrhundert Textilien, Metallwaren und Waffen aus Europa an die westafrikanische Küste und von dort Sklaven zur Plantagenwirtschaft Brasiliens, der Karibik und der nordamerikanischen Südstaaten. Von dort wurden Zucker, Tabak und Baumwolle nach Europa transportiert. England erfand im 17. Jahrhundert den Protektionismus, um die heimische Textilindustrie zu schützen. Die Unterwerfung der indigenen Völker und der Sklavenhandel war einer der Faktoren, die den Erfolg europäischer Mächte garantierten.
Die erste Phase des Kolonialismus und Versklavung ganzer Völker endete scheinbar im 19. Jahrhundert. Scheinbar deswegen, weil bis heute indigene Völker insbesondere im Amazonasgebiet, aber auch in Teilen Nordamerikas oder Afrikas kolonisiert werden. Die von Marx beschriebene ursprüngliche Akkumulation wurde bis weit in andere Erdteile vorangetrieben und der geheime Skandal des Kapitalismus, wie es der amerikanische Anthropologe Graeber formulierte. In Sklaverei und Kolonialismus lässt sich nicht finden, was mit einem guten Leben zu tun haben könnte. Menschenrechtsverletzungen und das Vorenthalten von Bürgerrechten, Unterwerfung von Völkern, die Vertreibung von sozialen Gruppen und Naturzerstörung stehen einem guten Leben entgegen.
 
Vom Leibeigentum zur Lohnarbeit
 
In Deutschland zogen sich ursprüngliche Akkumulation und das so genannte Bauernlegen bis weit in 19. Jahrhundert.
Ein Problem war die Arbeitsrente, von der die Bauern einen erheblichen Teil an die Feudalherren zu entrichten hatten. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie nicht mehr beansprucht. Erst mit der Aufhebung des Gesindezwangsdienstes in den 1860 er Jahren verbesserte sich die Stellung der Unterschichten.
Bauern zählten nicht mehr zum Gesinde und konnten ihre Arbeit als freie Lohnarbeiter auf dem Arbeitsmarkt der aufstrebenden deutschen Industrie zur Verfügung stellen.
Die Philosophin Hannah Arendt merkte zu an: „Es war der Kapitalismus, der mit der Enteignung angefangen hat...Vor der Enteignung der unteren Schichten der Bevölkerung zu Beginn der Neuzeit ist die Heiligkeit des Privateigentums immer etwas Selbstverständliches gewesen; aber erst der enorme Zuwachs an Besitz, Reichtum und eben Kapital in den Händen der enteignenden Schichten hat dazu geführt, privaten Besitz überhaupt sakrosankt zu erklären. Eigentum war ursprünglich an einen bestimmten Ort der Welt gebunden und als solches nicht nur `unbeweglich´, sondern identisch mit der Familie, die diesen Ort einnahm...Kein Eigentum zu haben, hieß keinen angestammten Platz in der Welt sein eigen zu nennen.“
Ohne Frage ist der freie Lohnarbeiter ein Fortschritt gegenüber den Knecht- und Abhängigkeitsverhältnissen des Feudalismus und ein kleiner Schritt ins gute Leben
 
Heimarbeit, Verlagssysteme und Manufaktur
 
Während in Heimarbeit und Verlagssystemen tätige Handwerker oder Textilarbeiterinnen abhängig von den Kaufleuten waren, die Arbeitsmenge, Kapital und Rohstoffen kontrollierten und zur Verfügung stellten, kristallisierten sich in einem seit dem Spätmittelalter währenden Prozess aus aufgelösten Allmenden und Bewohnern des „ganzen Hauses“ nach und nach Lohnarbeiter heraus. In der Manufaktur zeichnete sich ab, was später in der großen Fabrik Alltag war: Arbeitsteilung, Hierarchien und Lohnarbeit.
 
Keine Fabrikarbeit ohne Lohnarbeit – keine Lohnarbeit ohne Arbeitsmarkt
 
Mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln, den Fabriken und den Lohnarbeitenden, die Verträge mit den Fabrikanten schlossen, war die Basis für den Arbeitsmarkt geschaffen.
Galt im Vereinigten Königreich bis in die 1830er Jahren das Armenrechte als Notmaßnahme, um Verwerfungen aufzufangen, so war damit Schluss als sich der Fabrikkapitalismus und mit ihm der Arbeitsmarkt endgültig etablierte. Der Arbeitsmarkt ist Voraussetzung für einen funktionierenden Industriekapitalismus.
Karl Polanyi war der Auffassung, dass in der großen Transformation der Markt aus der Gesellschaft entbettet wurde. Die Folge ist, dass Markt und Wirtschaft dominieren und auf dem Arbeitsmarkt zwischen Fabrikant und Lohnarbeiter*innen Machtasymmetrie herrscht.
Zur Eingrenzung von Dominanz und Machtungleichgewichten entstanden Gegenbewegungen wie z.B. die Arbeiterbewegung oder demokratische Bewegungen – Spuren für ein gutes Leben?

Stand: 24.02.2022 

Teil 1, Kapital 1 (Die große Transformation)

 

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