3 In der Disziplinargesellschaft

Die Geburt der Disziplinargesellschaft
 
Im 17. Jahrhundert fing ein engmaschiges ausgeworfenes Kontrollnetz Arbeitsfähige ein, um sie überwachen zu können. Arbeitsunwilligkeit war angesichts aufstrebender Manufakturen nicht willkommen. Auch frühe Selbständige, die ihren Beruf im Schlepptau hatten, entzogen heranziehenden Lohnarbeit.
Um über die notwendigen Arbeitskräfte sicher zu verfügen, wurden an Manufakturen Arbeitshäuser oder besser Internierungshäuser angegliedert (Stamm, 1982, S. 90). Sie ähnelten Zuchthäusern und orientierten sich an militärischen Gepflogenheiten. Die Militärmaschine in Form einer Disziplinaranstalt diente als Vorbild der Fabrik und der Mensch sollte zu einem gehorsamen Maschinenteil umgeformt werden (Ulrich, 1980, S. 38).
Als zweites Standbein des Arbeitszwanges dienten Gesetze, die sich gegen Arme richteten. Wer arbeiten konnte, war zur Arbeit verpflichtet. Um dem nachzuhelfen, wurden Bettelverbote erlassen. „In einem Bericht über das Bettelwesen an das englische Parlament fordert Locke daher, bettelnde arbeitsfähige Männer, Frauen und Kinder in Arbeitshäuser einzuliefern (Aßländer, Wagner, 2017, S. 18).“
Die protestantische Arbeitsethik wurde das Leitbild der Disziplinar-gesellschaft.
 
Trotz aller Bemühungen, blieben Skepsis und Misstrauen gegen diejenigen, die zur Lohnarbeit gezwungen werden sollten, gegenwärtig. So ist es nicht verwunderlich, dass der Philosoph Bentham sein Panoptikum entwarf, eine Disziplinaranstalt höchster Perfektion. Die Benthamsche Fabrik war die der totalen Kontrolle. Das kreisförmige angeordneten Panoptikum von Bentham, in dem jeder Insasse jederzeit zu sehen war, war das Grundmuster totalitärer Kontrolle. Der Fabrikant als private Regierung in seiner Fabrik akzeptierte keine persönliche oder private Sphäre der Autonomie, die sanktionsfrei gewesen wäre. Sicherheit sowie Rede- und Meinungsfreiheit waren eingeschränkt (Anderson, 2019, S. 80).
Die totale Kontrolle – alles und jeder war jederzeit im Blickfeld; die Fabrik war eine Disziplinaranstalt. Die Geburt der Disziplinargesellschaft!
Disziplinierte Lohnarbeiter*innen waren vonnöten, um das Räderwerk der Fabriken und Manufakturen am Laufen zu halten. Wie psychiatrische Einrichtungen und Militärkasernen hatten Fabriken zunächst einen totalitären Charakter. „Die Wirkung der Überwachung ist permanent, auch wenn die Durchführung sporadisch ist; die Perfektion der Macht vermag ihre tatsächliche Ausübung überflüssig zu machen (Foucault, 1978, S. 258).“
Die bürgerliche Einstellung zur Arbeit setzte auf Tugenden wie Ordnung, Fleiß, Sparsamkeit und methodischer Lebensführung. Arbeit sollte nach bürgerlichen Vorstellungen freudvoll sein, der Arbeit solle regelmäßig verrichtet werden, aber nicht übermäßig (Verheyen, 2018, S. 122).
Der Arbeitszwang war erforderlich, um die Haltung zur Arbeit zu verändern, die Bereitschaft, sich auf dem Arbeitsmarkt zu verdingen zu erhöhen und um den Stellenwert der Arbeit in der entstehenden Erwerbsgesellschaft ins rechte Licht zu rücken.
 
Dort, wo die große Industrie ihre ersten Blüten erlebte, waren die Arbeitsbedingungen miserabel. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sahen die meist in Heimarbeit tätigen Textilarbeiter, die Luddits, durch Maschinen ihre Arbeitsplätze bedroht. Sie zerstörten die Maschinen (Herzog, 2019, S. 15). Diese Angriffe der Textilarbeiter, Luddismus genannt, ging in die Geschichte als Maschinensturm ein.
Die Textilarbeiter waren weit entfernt von kollektiver Organisation, Gewerkschaften noch unbekannt. Heimarbeit bedeutete, im eigenen Haus zu arbeiten ohne im Besitz der Produktionsmittel zu sein. Diese befanden sich in der Hand der Verleger. In der Zerstörung der Maschinen drückte sich weniger ein Aufstand gegen die neue Technik aus als vielmehr Widerstand gegen die Eigentümer der Maschinen. Es handelte sich um eine spezifische Form des Arbeitskampfes. Inhalte des Konflikts waren z.B. Lohnhöhe und Qualität der Arbeit. Nicht technikfeindliche und blinde Opposition prägte das Bild, sondern Widerstand gegen Verleger, die alte Gewohnheiten und Gebräuche der Gewerbe zerstörten, Qualitätsstandards missachteten, Löhne drückten und vertraute Statusgrenzen aufhoben (Sieferle, 1983, S. 203 ff).
1844 machten es die schlesischen Weber ihren englischen Kollegen nach. Sie sahen sich chancenlos in der Konkurrenz zu dampfgetriebenen Webstühlen. Viele von ihnen verarmten und hungerten. Die Revolution 1848 / 1849  war die Folge der Auseinandersetzung gegen Verarmung und Not.
 
Nach einer kurzen Verschnaufpause, in der die demokratischen Kräfte frische Luft schnappten, verabschiedete die Deutsche Verfassungsgebende Nationalversammlung 1848 in der Paulskirche einen Hauptentwurf einer Gewerbeordnung und einen Minderheitenentwurf, der die Gründung von Fabrikausschüssen mit bestimmten Rechten vorsah.
„Hauptakteure der Revolution waren die bürgerlichen Mittel- und Unterschichten, getragen vom Wohlwollen des  Großbürgertums (Däubler, Kittner, 2020, S. 59).“ 
Die spätere Forderung nach Fabrikräten war der erste Schritt zur Institution der Betriebsräte und sollte die Herrschaft des Unternehmers einschränken. Die Würde in der Arbeit wurde jedoch auf einem zu schmalen Beet ausgesät und noch schufteten nicht genügend Arbeiter in den Fabriken und noch schlossen sie sich nicht zu kollektiven Organisationen wie Gewerkschaften zusammen.
Gleich, was geschah, die Ideologie sollte im Sein verankert sein.
Wen wundert es, dass nach diesen ideologischen Berieselungen und disziplinierenden Maßnahmen ein „asketischer, produzierender Knecht“ mit „obrigkeitsstaatlicher Untertanen-Gesinnung“ der vorherrschende Sozialtypus war, ergänzt durch die Militärdienstpflicht. Das Feld war bestellt. Die unteren Klassen konnten integriert werden (Brückner, 1981, S. 15).
 
Der Historiker Jürgen Kocka erzählt uns, wie aus der handwerklich geprägten Manufaktur die Fabrik wurde. Wir befinden uns in den Werkstätten der Firma Siemens in den 1860er Jahren. Werkzeugmaschinen waren rar. Der überwiegende Teil der Arbeiterschaft hatte eine ausführliche Handwerkerlehre absolviert. „Es scheint der handwerkliche Kern der Arbeiter gewesen zu sein, der sich gegen eine Rationalisierung der Arbeit durch größere Arbeitsteilung sträubte.“ (Kocka, 1975, S. 271) Der passive Widerstand der handwerklich ausgerichteten Arbeiter und ihrer Meister verlangsamte das im Interesse größerer Rentabilität erwünschte Tempo der Entwicklung zur arbeitsteiligen Fabrik. Werner Siemens klagte über den „Künstlerschlendrian“ der Handwerker,  „die durch frühere Präzisionsarbeiten für eine >>energische und einseitige Tätigkeit verdorben seien.“ (Kocka, 1975, S. 271). Der deutsch-französische Krieg von 1871 erhöhte die Nachfrage und verknappte das Angebot an Arbeitskräften. Wo die erforderlichen Arbeiter hernehmen? Zum Missfallen von Siemens stiegen die Löhne. Streikdrohungen wurden durch Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen das Wasser abgegraben. 1871 initiierte Siemens eine der ersten Arbeitgebervereinigungen und reagierte mit Aussperrungen auf den Streik von 1872. Der Streik fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. In den Jahren 1871 und 1872 kaufte Siemens  Werkzeugmaschinen. Gewöhnliche Arbeiter vermochten zwei bis drei dieser Maschinen zu bedienen. Sie wurden von den Meistern angelernt und arbeiteten im Akkord. Es dauerte, bis sich die alten Handwerker mit der Arbeitsbeschleunigung abfanden. (Kocka, 1975, S. 278 ff). Kopf- und Handarbeit waren jetzt getrennt, Arbeitsvorbereitung und Produktion bildeten folglich zwei getrennte Bereiche, „künstlerische“ Handwerksarbeit war entwertet und das Selbstverständnis der Handwerker erschüttert.
 
Die Fabrik als Disziplinaranstalt
 
Die demokratisch-freiheitliche Bewegung Mitte des 19. Jahrhunderts wurde niedergeschlagen. Die preußische Autokratie behielt Oberhand. Man schaute auf die Fabrikarbeiter herab: „Die Fabrikbevölkerung galt weiterhin als rohe, unzivilisierte, außerhalb der gesitteten Gesellschaft stehenden Klasse (Ehmer, Meißel, 1984, S. 40).“
Das niedrige Qualifikationsniveau trug zur Disziplinierung mit bei. Arbeitskräfte waren in der entstehenden Textilindustrie austauschbar. Wer ungelernt war, konnte an einfachen Arbeitsplätzen schnell eingearbeitet werden.
Beruflichkeit, Bildung und Qualifizierung dienen nicht nur der Entlohnung. Sie können auch für zusätzliche Freiheitsgrade sorgen und für höherwertige Arbeit stehen. „Die Unterscheidung zwischen gelernter und ungelernter Arbeit bezieht sich also nicht auf die Tätigkeit selbst, sondern bezeichnet nur ein bestimmtes Stadium bzw. eine bestimmte Qualität in der Ausführung (Arendt, 2016, S. 117).“
Freiheit war und ist in der kapitalistischen Welt an Privateigentum gebunden. Bürgerliche Freiheiten wie Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit oder Pressefreiheit wurden mühsam in demokratischen Prozessen mit demokratisierenden Bewegungen erkämpft.
Die kapitalistische Welt benötigte keine Demokratie, um wirtschaftsliberale Prinzipien und Privateigentum zu gewährleisten. Sie duldet individuelle Freiheit und Bürgerrechte, solange der das kapitalistische System expandieren kann. Diktaturen und populistische Regierungen können diese Freiheit und Privateigentum jederzeit einschränken, d.h. Freiheit durch Privateigentum wird solange gewährleistet oder besser verliehen, wie das Herrschaftssystem nicht in Frage gestellt oder bedroht wird.
Bürgerrechte wie z.B. Meinungsfreiheit galten nicht Mitte des 19. Jahrhunderts nicht für jede*n Bürger*in. Halten wir uns vor Augen, dass die arbeitenden und besitzlosen Klassen von den Bürgerrechten wie selbstverständlich ausgeschlossen waren(Arendt, 2016, S. 189).
Die Arbeitermassen in der Fabrik „werden als gemeine Industriesoldaten unter die Aufsicht einer vollständigen Hierarchie von Unteroffizieren und Offizieren gestellt (Marx, Engels, 1972, S. 468 f).“
 
 
Gründung der Eigentümergesellschaft
 
Eigentum und Besitz sind zu Zeiten germanischer Allmende nicht identisch. Man besitzt ein Haus oder einen Hof und der Boden gehört dem, der ihn bearbeitet und „das Eigentum ist der Ausdruck der Vollversammlung der Gemeinde, die Anerkennung der Besitzrechte (Negt, Kluge, 2016, Bd. 2, S. 243).“
Die Gemeinschaft oder Allmende basiert auf täglicher Zusammenarbeit und in der nachbarschaftlichen Solidarität. Felder, Wasserläufe und Wälder werden gemeinsam genutzt, dem Nachbarn wird geholfen. Markt ist die Fortsetzung gegenseitiger Hilfe. Max Weber unterscheidet in Besitz- und Erwerbsklassen und „unter letzteren zwischen denen, deren Marktchancen auf der Verwertung von Gütern beruhen, und jenen, die Leistungs-qualifikationen in berufliche Arbeitsmärkte einbringen (Weiß, Die globale Ungleichheiten und die Soziologie, in Bude, Staab (Hgb.), Kapitalismus und Ungleichheit, 2016, S. 97).“ Erstere leben vom Ererbten, können es, je nach Fähigkeit mehr oder weniger gut anlegen, während die anderen sich auf dem Arbeitsmarkt verdingen oder sich als Selbständige durchs Leben schlagen.
Der Anthropologe David Graeber vertritt die Auffassung, dass sich die römische Gesellschaft von der Republik der Sklavenhalter zu einem Gemeinwesen entwickelt, das den späteren europäischen Feudal-gesellschaften ähnelt. Er sieht einen Zusammenhang zwischen Macht und Freiheit. Die Mächtigen sind in der römischen Gesellschaft frei: „Freiheit war schlicht Macht (Graeber, 2014, S. 259).“ Im 12. Jahrhundert wird das römische Recht erneut angewendet. So bedeutet dominum gleichzeitig Grundherrschaft und Privateigentum. Daraus wird traditionell abgeleitet, dass Freiheit im Kern das Recht sei, mit seinem Eigentum zu tun, was einem beliebt. Diese Ableitung lässt einen Schatten von „unternehmerischer Freiheit“ erkennen. Eigentum kann ich pfleglich behandeln, es dem Verfall übergeben oder es zerstören. Entscheidend ist, dass die Rechte den Besitzenden Verfügungsgewalt zusprechen. „Dadurch wird nicht nur das Eigentum zu einem Recht, auch die Rechte selbst werden als eine Form von Eigentum behandelt (Graeber, 2014, S. 259).“
Eigentum  im Kapitalismus  bedeutet auch immer Machtausübung. Um diese Macht einzuhegen, bedarf es der Regulierung – bis heute bedeutet jede Regulierung Beschneidung der Macht.
 
Zu Beginn des Kapitalismus wurde den Arbeitenden Lohnarbeit als Allgemeinwohl verkauft. Lohnarbeit habe einen sozialpolitischen Nutzen für die Gesellschaft.
Ideologisch wurde das Ziel verfolgt, die Nichtbesitzenden durch Lohnarbeit der Gemeinwohlorientierung zu verpflichten und ihnen zu versprechen, ihr lebt wie das Bürgertum. Die Gemeinwohlorientierung war der Sand, der den Arbeitnehmer*innen in die Augen gestreut wurde, um aus ihnen im Rahmen der entstehenden Konsumgesellschaft eine „klassenlose Mittelstandsgesellschaft“ oder eine „nivellierende Gesellschaft“ zu machen – sie also ihrer Identität als Arbeiter*innen zu berauben. Die Arbeiterklasse als organisierte Einheit sollte zersplittert werden. Auf dem Arbeitsmarkt ist bis heute kein*e Arbeitnehmer*in frei, sondern immer in Abhängigkeit von den zur Verfügung stehenden Stellen. Gesetze, Vorschriften, der Druck, Geld verdienen zu müssen und letztlich die Angst vor Arbeitslosigkeit raubte und raubt ihnen Freiheit.
 
Der französische Ökonom Piketty vertritt die Auffassung, dass die zentrale Frage der Französischen Revolution die der Hoheitsrechte und des Zentralstaats wären, nicht die gerechten Eigentums. Ziel sei es, die Hoheitsrechte der lokalen adligen und geistlichen Eliten an den Staat zu übertragen, nicht, eine große Umverteilung von Eigentum vorzunehmen (Piketty, 2020, S. 159).
Gleich zu welcher Zeit, „wer Zugang zum und Kontrolle über den Rechtscode und seine Herren hat: die landbesitzende Elite, die Fernhändler und die Landesbanken (Pistor, 2020, S. 2).“
Zwischen Rechtstitel und Macht besteht ein unmittelbarer Zusammenhang. Nur so, d.h. mit staatlichen Mitteln und staatlicher Justiz kann und konnte Privateigentum gesichert werden. In ihrem Buch „Der Code des Kapitals“ nennt Katharina Pistor vier ausschlaggebende Attribute: „Prioritätsrechte, Beständigkeit, Konvertierbarkeit und Universalität (Pistor, 2020, S. 33).“
Prioritätenrechte steht für die stärkste Rechtsposition. Prioritätsrechte garantieren den Rechtsanspruch auf den jeweiligen Gegenstand bzw. Vermögenswert; Beständigkeit dehnt den zeitlichen Prioritätsanspruch aus; Universalität, für die die Staatsmacht sorgt, gewährleistet Beständigkeit und Prioritätsanspruch gegen Dritte; Konvertierbarkeit gibt den Vermögensinhabern eine Garantie der Werte in Staatsgeld (Pistor, 2020, S. 35 f).
  
Große Transformation und ihrer Gegenbewegungen

Nach Auffassung Karl Polanyis mündet die „Große Transformation“ nicht nur im wirtschaftsliberalen Markt, sondern auch in Gegenbewegungen wie die Arbeiterbewegung, die kommunistische, sozialdemokratische und später die Frauenbewegung oder die Umweltbewegung.
So sehr sich Kapitalisten und Fabrikanten auch mühten, die Fabrikarbeiter gewannen an Einfluss. Sie kämpften für ihre politischen Rechte und ihre soziale Sicherheit.
Streikbewegungen entstanden aus der Tradition der Gesellenvereine sowie durch das von den demokratischen und liberalen Bewegungen erkämpfte Recht auf Koalitionsbildung (Roth, Arbeitswelten im Umbruch, Friedrich Ebert Stiftung, 2019
library.fes.de/pdf-files/fes/15888.pdf, letzter Aufruf 20.01.2021).
 
Vom „freien“ Lohnarbeiter zum Massenarbeiter

In der Frühzeit der Industrialisierung schaffte der proletarisierte Lohnarbeiter in den Manufakturen und Fabriken. Er wurde durch die Mechanisierung immer weniger handwerklicher Künstler und immer mehr Lohnarbeiter. Als die Manufaktur zur Fabrik mutierte, wurde „künstlerische“ Arbeitsvermögen des Handwerkers entwertet. Er erlebte Dequalifizierung, Statusverlust und Hierarchisierung. Für die Industriearbeit reichte rohes Arbeitsvermögen mit Disziplinierung und rigider, harter Kontrolle der Arbeit, der optimale Einsatz der individuellen Arbeitskraft im Grenzbereich.
Mit der Industriearbeit entstanden bürokratischer Strukturen, die disziplinierend wirkten. Harte Ausbeutung, Trennung Hand- und Kopfarbeit und hochgradige Arbeitsteilung kennzeichneten diese Fabrikarbeit.
Der Lohnarbeiter wurde mit der Arbeitsteilung am Fließband zum Massenarbeiter, dessen Arbeit entwertet wurde.
Durch die Entwertung der Arbeit wurde das Verhältnis zu ihr instrumentell. Waren und warenförmige Dienstleistungen wurden als lohnende Ziele der Anstrengungen des Arbeiters und als Erfolgssymbole begehrt (Gorz, 1989, S. 70).
Schlechte Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten konnten durch kompensatorisch Bedürfnisse verheißungsvoll ausgeglichen werden. Es handelte sich nicht um notwendige oder nützliche Güter oder Dienstleistungen. „Der funktionale Arbeiter, der die Entfremdung in seiner Arbeit akzeptiert, da ihm seine Konsummöglichkeiten hinreichende Kompensationen gewähren – dieser funktionale Arbeiter kann nur entstehen, wenn gleichzeitig auch der sozialisierte Konsument als seine Kehrseite auftaucht (Gorz, 1989, S. 7).“
Der Massenarbeiter war in der industriellen Massenproduktion zunächst als an- und ungelernte Arbeiter tätig. Er wurde konfrontiert mit kleinteiliger hoch getakteter Arbeitsteilung mit standardisierten und spezialisierten Qualifikationen, wie der Pionier der Unternehmensberater F. Taylor vorschlug. Ausgeprägte Hierarchien mit struktureller und technischer Kontrolle der Arbeit sorgten für Effizienz. Der Bürobereich bestand aus einem Schreibsaal mit Telefon und Fernmelder. Alles war der Funktionsorientierung, untergeordnet. Bürokratie galt als grundsätzliches Verwaltungsprinzip mit Anforderungsanalysen, der Verwissenschaftlichung der Arbeit nach Taylor und einem Beurteilungssystem wie z.B. REFA. Staatlicher und tariflicher Schutz gewährten zumindest vorübergehend Sicherheit.
 

Stand: 22.04.2022

Teil 00 Einleitung

Teil 1.1 Die Große Transformation

Teil 1.2. Arbeit und Ideologie

Teil 1.3. In der Disziplinargesellschaft

Literatur:

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Däubler, Kittner, Geschichte der Betriebsverfassung, 2020

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Diesterweg -1790-1866- zitiert in UK / BG, 125 Jahre gesetzliche Unfallversicherung, https://www.dguv.de/medien/inhalt/presse/hintergrund/125jahre/dokumente/geschichte-guv.pdf, Zugriff 19.04.2020

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