Einführung: Handlungsfelder in der Transformation

Was ist eine Transformation?

Transformation bezeichnet eine Umformung oder Verwandlung  eines Zustandes in einen anderen. Bekannt ist der Elektro-Transformator als Umspanner, der z.B. eine hohe Eingangsspannung in eine niedrigere Ausgangsspannung verwandelt. Wird aus einer Raupe ein Schmetterling, liegt ein biologischer Transformationsprozess vor. Wir kennen diesen Wandlungsprozess auch unter dem Begriff „Metamorphose“.
Wir erleben seit den siebziger Jahren betriebliche Transformationsprozesse unter den Begriffen „Change Management“ oder „Restrukturierungs-prozesse“.
Im Rahmen der Wiedervereinigung hat Deutschland einen Transforma-tionsprozess durchlaufen, in dem aus der BRD und der DDR ein gemeinsamer Staat wurde.
Polen, Ungarn und die Slowakei gelten z.B. als postkommunistische Transformationsgesellschaften.


Die Große Transformation

Der Begriff „Große Transformation“ stammt vom österreichisch-ungarischen Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi, der die Transformation von der Agrar- zur Industriegesellschaft in dem Buch „The Great Transformation“ beschrieben hat.
In diesem frühen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Transformations-prozess verändern sich die Arbeits- und Lebenswelten der Menschen und ihrer Gesellschaften grundsätzlich. Er bezieht sich auf den Zeitraum vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Religionskriege und Bauernkriege fallen ebenso in diese Epoche wie die Reformation und Kolonialismus, die Aufklärung und der Kampf gegen feudale und geistliche Herrschaft.

Bauern und Handwerker werden von ihren Lebens- und Arbeitsvhältnissen getrennt. Aus gemeinschaftlich genutztem Eigentum wird häufig Privateigentum. Menschen, die so aus ihren Lebenszusammenhängen herausgelöst worden waren, werden zu Vagabunden, Tagelöhnern oder Bettlern.
Arbeitszwang war den Menschen im Mittelalter fremd. Die Anfänge der Verinnerlichung des Arbeitszwanges geschah mit Gewalt, Blut und Feuer.
Heinrich VIII hat im Vereinigten Königreich 72000 Menschen, die ihre Handwerksbetriebe und Bauernhöfe verloren hatten und die nicht in den Manufakturen arbeiten wollten, aufhängen lassen. Feudale Gewalt trieb Bauern und Handwerker durch das so genannte „Bauernlegen“ in frühe Lohnarbeit. Das Gemeinwesen erlebte Zerstörung.

Im Vereinigten Königreich sorgte der niedere Landadel für Vertreibungen von gemeinschaftlichen Produktionsstätten, um diese durch Einzäunung privatisieren zu können. In der „Großen Transformation“ wurden Tauschhandel, Zeitrhythmen und Gemeinschaft mit dem Ziel der Errichtung eines liberalen Marktwirtschaft zerstört, die von den Faktoren Arbeit, Natur und Geld bis heute bestimmt wird.
Gemeinschaftseigentum wurde privatisiert. Frühe Manufakturen und erste industrielle Fabriken konnten nur durch die Verarmung der Land-bevölkerung, die dringend Arbeit und Lohn benötigten, existieren. Für sie war es eine Voraussetzung, dass mögliche Arbeitskräfte vor Not und Armut flüchteten. Diese Arbeitskräfte standen den entstehenden großen Industrie und dem Arbeitsmarkt als freie Lohnarbeiter zur Verfügung.

Entscheidend für diesen Prozess ist nach Polanyi, dass der Markt aus der Gesellschaft „ausgebettet“ wurde und zum bestimmenden Faktor für Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft wurde. Vertragsfreiheit, Privateigentum an Produktionsmitteln, Kapital und die zur Verfügung stehenden Lohnarbeiter*innen und schaffen die Voraussetzung für die I. Industrielle Revolution.


Industrielle Revolution

Für die I. Industrielle Revolution stehen der mechanische Webstuhl, die Dampfmaschine und die mechanische Uhr. Die Energie wird aus Wasserkraft und fossilen Brennstoffen gewonnen, der Handel ist global.

Symbolträchtig für die II. Industrielle Revolution steht das Fließband mit Massenarbeiter*innen und hochgradiger Arbeitsteilung, elektrische Energie sowie Chemie- und Stahlindustrie. Fossile Energieträger dominieren.

Die III. Industrielle Revolution wird durch Elektronik und IT geprägt. Industrielle Produktion wird erst teil-, dann vollautomatisiert. Facharbeiter*innen und Ingenieur*innen prägen das Bild der Epoche.
In der IV. Industriellen Revolution bestimmen Big Data, Vernetzung mit dem Internet der Dinge und cyber-physische Systeme, in denen Menschen, Daten und Maschinen miteinander verknüpft sind, das Bild.

Die I. Industrielle Revolution setzt gegen Ende des 19. Jahrhunderts sein, zieht sich bis in die 1870er Jahre. Etwa im letzten Quartal des 19. Jahrhunderts beginnt die II. Industrielle Revolution. Sie wird sich über ca. 100 Jahre erstrecken, um dann von der III. Industriellen Revolution abgelöst zu werden, die 2010 endet. Heute befinden wir uns in der IV. Industriellen Revolution, in der die fossilen Energieträger endgültig abgelöst werden sollen.

Neben dem liberalen Markt ist die Industrielle Revolution das Kennzeichen der kapitalistischen Marktwirtschaft oder des Kapitalismus. Das Markenzeichen sind technische Innovationen. Der Ökonom Schumpeter spricht von einer „schöpferischen Zerstörung“. Die schöpferische Zerstörung steht für kontinuierliche Optimierung von Techniken, Gütern, Maschinen und Produktionsprozessen.
Schumpeters Auffassung nach sind es schwungvolle, risikobewusste Unternehmer, die ihre innovative Ideen durchsetzen und für den technischen Fortschritt stehen. Diesem Pioniergeist schließen sich weitere Gründer und Unternehmer an, so dass ein konjunktureller Aufschwung Fahrt aufnimmt.


Kondratieff-Zyklen

Der russische Ökonom Kondratieff hat in den 1930er Jahren Basisinnovation und ihre Schlüsseltechnologien identifiziert, die die langen Zyklen der Wirtschaft und ihre Wertschöpfungsketten füttern. Ein Zyklus dauert etwa 40 – 60 Jahre.
Die Kondratieff-Zyklen beziehen sich ähnlich wie die „Industriellen Revolutionen“ auf Technologiesprünge, von der Dampfmaschine über das Fließband bis hin zum Computer und dem Internet, und unterscheiden sich durch prägende Wertschöpfungsketten, soziale Verwerfungen und Entwicklungen.

Der I. Kondratieff-Zyklus beginnt mit dem Übergang der Agrarwirtschaft zur großen Industrie. Er schließt sich wie die I. Industrielle Revolution an die „Großen Transformation“ an. Der Zyklus beginnt in den 1780er Jahren und flacht in den 1840er Jahren ab. Als Basisinnovation gilt die Dampfmaschine und als Leitindustrie die Textilindustrie.
Der II. Zyklus und damit der II. Kondratieff erstreckt sich von den 1850er Jahren und ebbt in den 1890er Jahren ab. Basisinnovation dient die Eisenbahn, als Leitindustrie die Stahlindustrie.
Der darauf folgende III. Zyklus oder der III. Kondratieff erhält seinen Schwung durch die Basisinnovation Elektrotechnik und Chemieindustrie als Leitindustrie, als Basisinnovationen, während der IV. Kondratieff oder Zyklus um die Jahrhundertwende beginnt und Mitte der 1930er Jahre abflacht. Als Basisinnovation gelten Fließband und Automobil und als Leitindustrie die Petrochemie. Der nach dem II. Weltkrieg ansteigende V. Kondratieff-Zyklus ist geprägt von der Basisinnovation Informationstechnik und als Leitindustrie die Hardware- und Softwareproduzenten. Dieser Zyklus lässt in den frühen 2000er Jahren nach. Etwa um 2010 scheint der VI. Kondratieff-Zyklus zu beginnen. Er wird bestimmt von Basisinnovationen aus der Informationstechnik, dem Umweltschutz, der Biotechnologie und dem Gesundheitswesen. Als Leitindustrien können z.B. die Recyclingindustrie, regenerative Energiegewinnung und die Wasserstoffindustrie dienen.

In der Regel lassen sich zwischen den Kondratieff-Zyklen Krisen identifizieren, aus denen Barrieren entstehen können, die eine neue lange konjunkturelle Welle verhindern. Umweltzerstörung, zu hoher Energieverbrauch, Ungleichheit, Kriminalität sowie psychosoziale und körperliche Gesundheitsstörungen können z.B. solche Barrieren sein.

Während die Story der „Industriellen Revolutionen“ eine technische Erzählung der Produktivkraftentwicklung unter Vernachlässigung sozialer und politischer Dimensionen ist, berichten die Kondratieff-Zyklen auch über soziale Entwicklungen und Verwerfungen, gesellschaftliche Probleme und ökologische Krisen. In den aufsteigenden Zyklen sind neben technischen Innovationen und daraus entstehenden hochproduktiven Wertschöpfungsketten zunehmende Lebensqualität, Inklusion, Investitionsbereitschaft, friedvolles Miteinander, fair gelöste Verteilungskonflikte und fairer Wettbewerb zu beobachten. Das Kapital findet ausreichend und gute Anlagemöglichkeiten. Fällt der Zyklus ab, nehmen Krisensymptome zu. Protektionismus, Nationalismus, Lohnkürzungen, soziale Verwerfungen, Zunahme von autoritären Regimes, Aggressivität und Egoismen lassen sich erkennen.

In den I. Kondratieff-Zyklus fällt die Zeit der Aufklärung. Vorläufer demokratischer Bewegungen betreten die politische Bühne. Arbeiterbewegung, Sozialdemokratie, Genossenschaften und weitere kollektiv ausgerichtete Organisationen bestimmen maßgeblich den aufsteigenden II. Kondratieff-Zyklus mit. Die Ursprünge von Betriebsräten, Gewerkschaften und dem Betriebsverfassungsgesetz finden wir im aufsteigenden III. Kondratieff-Zyklus. Der IV. Kondratieff-Zyklus  ist überwiegend eine sozialdemokratisch geprägte Epoche, die stark von dem Ökonomen Keynes geprägt ist und von der West-Ost-System-Konkurrenz geprägt wird. In der Bundesrepublik wird die Mitbestimmung ausgebaut. Gewerkschaften, Staat und Wirtschaft prägen gemeinsam den korporatistischen Staat. Betriebsräte sind eine demokratisch gewählte betriebliche Institution, die Betriebsverfassung wird modernisiert. Der V. Kondratieff ist geprägt vom Fall der Mauer und dem vermeintlichen Sieg der freien Marktwirtschaft über die sowjetische Planwirtschaft. Neoliberales Denken, geprägt von dem Österreicher Friedmann und der Chicagoer Schule, übernimmt das Heft des Denkens und Handelns. Politisch gewinnt der neoliberale Ansatz durch Thatcher und Reagan in den 1980er Jahren. Gewerkschaften werden zurückgedrängt, Mitbestimmung als altmodisch verurteilt und Betriebsräte als Hemmnisse für eine offene, liberale Arbeits- und Wirtschaftswelt beschrieben.
Im vereinigten Deutschland sind Tarifflucht, Erosion der Mitbestimmung und durch Austritte schwächer werdende Gewerkschaft an der Tagesordnung.
Obwohl der neoliberale Ansatz seit der Finanz- und Eurokrise zumindest geschwächt ist, dominiert noch immer das wirtschaftsliberale Konzept. Der Staat hat sich dem unterzuordnen und lediglich die Regeln aufzustellen, nach denen der Markt funktionieren soll.

Nach wie vor gilt, was Karl Polanyi notiert hatte: der Markt ist aus der Gesellschaft ausgebettet.

Wenn wir heute auf den aufsteigenden VI. Kondratieff blicken, wird darüber neu zu verhandeln sein. Die Klimakrise mündet in einer globalen Katastrophe, wenn diese mit Marktmechanismen behandelt werden soll.
Auch wird sich der Stellenwert von Arbeit angesichts von maschinellem Lernen, Robotertechnik und Automatisierung verändern.
Die Einbettung des Marktes in Gesellschaft und Demokratie würde sowohl die Demokratie stärken wie die Inklusion fördern. Hier ist es erforderlich an die Humansierung der Arbeit und Wirtschaftsdemokratie zu erinnern.
Betriebliche und Unternehmensmitbestimmung müssen ausgebaut und gesichert sein. Individuelle Freiheitsrechte und kollektive Interessenvertretung dürfen nicht länger gegeneinander ausgespielt werden. Sie sind zwei Seiten einer Medaille.
Die Verteilung von Bildung, Chancen für ein gelingendes Leben und gesichertem Einkommen sind wie soziale Absicherung in allen Altersgruppen und Zugang zu einer guten Gesundheit werden Bestandteile eines neuen Gesellschaftsvertrags sein müssen. Ohne eine neue, den Gegebenheiten angepasste Steuerpolitik wird das alles Stückwerk bleiben.

Stand: 12.September 2021