Sweet smart home

Die Servicewüste Deutschland wird bewässert. Von den Stadtwerken. Ich hatte nämlich einen neuen Zähler bekommen. Einen smarten. Schick sah er aus. Und er war nicht nur smart. Er war ein Versprechen. Die Stromkosten werden sinken. Nicht, weil ich weniger Strom verbrauchte, sondern weil der Zähler für mich berechnete, wann der Strom am Günstigsten war. Nämlich nachts. Nachts wird nicht so viel produziert, gewaschen und gekocht. Dafür bekommen die Stadtwerke meine Daten fein aufgedröselt. Welches Programm, wie häufig und so weiter. Das alles motivierte mich, den Einstieg ins smarte Wohnen zu wagen. Ich habe nämlich meine Ersparnisse in eine smarte Waschmaschine investiert, die wiederum kommuniziert mit Bert, einem Cousin von Alexa, meinem smarten Vermittler und smartem Zuhörer, zur Onlineplattform. Ich kümmere mich um nichts mehr. Die smarte Waschmaschine wird automatisch mit der absolut korrekten Menge des richtigen Waschmittels gefüllt. Toll. Der Freizeitgewinn ist enorm.

Waschen ohne eigenes Tun. Dachte ich. Der smarte Stromzähler schlug vor, ich solle um 2.15 Uhr waschen. Jeans. Ich willigte ein und bestätigte. Um 3.25 Uhr summt Bert. Erst leise, dann lauter. Aus dem Summen wurde ein Schlager. Schlager kann ich nicht leiden. Mein Herz pochte heftig. Ich wollte den Schlager nicht hören. Interessierte Bert nicht. Er wurde lauter. Bis ich kerzengerade im Bett saß. Bert war so freundlich und unterbrach den Schlager. Er verschnaufte ein paar Sekunden, um mich dann aufzufordern, die Wäsche aufzuhängen. Sie knittere sonst. Meine Jeans knittern nicht, rief ich ihm zu. Bert wiederholte: „Wäsche aufhängen!“ Widerstand zwecklos. Ich stand auf. Wäsche aufhängen. Während ich die Wäsche dem Trocknungsprozess übergab, stimmte Bert einen zweiten Schlager an. Ich ahnte, diese Nacht würde ich keine weitere Mütze Schlaf mehr bekommen.

Zwei Tage später verabredeten sich Bert und mein smarter Stromzähler erneut. Die Vernetzung der Beiden mit meiner Waschmaschine führte zu einem sechzig Grad Waschgang. Bert forderte mich auf, die Waschmaschine vor dem Schlafengehen zu bestücken und versprach, ich bräuchte mich um nichts kümmern. Das hörte ich gern. Die gewaschene Wäsche würde dank der fortgeschrittenen Technik der Waschmaschine anschließend getrocknet. Solche Kombinationsgeräte sind absolut schick, fand ich. Naja, um ehrlich zu sein, Bert hatte mir dazu geraten. Ich würde nicht aufstehen brauchen. Ich sorgte mich, dass er mich wieder mit seinem Schlagerrepertoire beglücken wollte und warf ihm einen bösen Blick zu, worauf Bert leise summte. Ich tat also, was mein vernetzter Wäschekeller mir nahelegte.

Ich schlief, bis mich ein heftiges Klopfen weckte. Ich blickte zu Bert, der nicht einmal summte. Das Klopfen wurde stärker. Es kam von der Tür. Noch halb im Tran stand ich auf und öffnete, schlaftrunken wie ich war, meine Wohnungstür. Eine weibliche Person, zwischen 40 und 50 stand vor mir, mit rotem Kopf, abstehenden Haaren. Irgendwie kam sie mir bekannt vor, vermochte sie aber nicht zuzuordnen. Hatte Bert mir einen Avatar geschickt, um mich zu unterhalten? Eine virtuelle Unterstützung, um das smart Home weiter zu entwickeln? Eine digitale Haushaltshilfe? Ich hob meinen Arm, streckte ihn dem mir gegenüber stehenden Gebilde entgegen und tippte die vermeintlichen Stirn der Gestalt leicht an. Das Rot vertiefte sich zu Blutrot. Die Gestalt atmete heftig. Ich vermutete Zorn als Emotion. Ich warf Bert einen Blick zu, ob ich richtiglag, denn ich wusste, dass Bert, Emotionen erkennt und mir sagt, wie ich mich fühle. Aber bevor er mir zu Hilfe eilen konnte, ballten sich zwei Hände zu Fäusten. Ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte, meine Waschmaschine nachts laufen zu lassen, der Schleudervorgang habe so gedröhnt und gepoltert, dass sie hellwach geworden sei. Jetzt erkannte ich sie. Bei dem Gebilde handelte es sich um meine analoge Nachbarin aus dem Erdgeschoss. Ob ich das ganze Haus wecken wolle? Ich schaute hilflos zu Bert. Der tat so, als sei nichts geschehen. Warum hatte er Frau Wegehaupt nicht als Avatar geschickt? Als virtuelle Hilfe, vernetzt mit Waschmaschine und ihm selbst. Nein, Frau Wegehaupt war entsetzlich analog und eigentlich wie immer: „Das melde ich der Wohnungsbaugesellschaft!“ Dann stapfte sie die Treppe hinunter und ich stand da, hörte Bert leise und unschuldig summen.

Übrigens, als ich meine Stromrechnung erhielt, stellte ich fest, dass die Höhe sich unerheblich von früheren Rechnungen unterschied. Ich schielte wieder zu Bert, der sich hütete einen Schlager anzustimmen.                                                                                                                                                                                                                                                                „Bert“, fragte ich, „was machen die Stadtwerke mit meinen Daten, den sie vom smarten Zähler abzapfen?“                                                                                                                                                                                                                                                                                    Er unterbrach sein Summen und erwiderte: „Moment, ich frage bei der Plattform nach."                                                                                                                                                                Ich wartete geduldig auf die Antwort der Plattform. Fünf Minuten, zehn Minuten. Auch Bert schien ungeduldig zu werden. Endlich grunzte er zufrieden: „Die Antwort ist da!“                       „Und?“ wollte ich wissen.                                                                                                                                                                                                                                                               „Nichts“, erwiderte Bert kleinlaut.                                                                                                                                                                                                                                            „Nichts?“ wiederholte ich.                                                                                                                                                                                                                                                           „Unser Smart Meter befindet sich im Keller. Im Keller ist kein W-Lan-Empfang.“

7.6.2022