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Allmende

Einleitung

In der vorindustriellen Gesellschaft leben und arbeiten die Menschen im Einklang mit der Natur. Sie bewirtschaften Grund und Boden gemeinsam in der Allmende. Der Boden ist der Gegenstand, an dem sich ihr Arbeitsvermögen herausbildet. Der Markt definiert sich bis ins Mittelalter als Tauschmarkt.


Allmende - Arbeiten und Leben in der Gemeinschaft

Die menschliche Entwicklung beginnt mit genauer Beobachtung der Natur. Sie wird im Einklang als Mitwelt genutzt. Ohne Naturenergie reicht die menschliche Energie nicht, Natur- und Bodennutzung auszudehnen. Der Boden liefert Holz und andere brennbare Güter zur Wärmegewinnung und als Nahrung.
Energie ist ein zentrales Moment, um leben und überleben zu können.

Wissen um Naturprozesse ist die Voraussetzung, um den Boden bearbeiten zu können. Bei den Germanen gehört der Boden dem, der ihn bearbeitet. Wer das einzelne Haus bewohnt oder den Hof bewirtschaftet ist Besitzer. Kollektives Eigentum und Gemeinschaft sind eins. „Das Eigentum ist der Ausdruck der Vollversammlung der Gemeinde, die Anerkennung der Besitzrechte...Wenn diese Besitzrechte bedroht sind, bricht das Gemeinwesen auseinander“, schreiben Negt und Kluge.
Die Bauern arbeiten für sich. Sie sind an Jahreszeiten und Lebenszeiten gebunden. Das, was sie sich als Arbeitsvermögen geben sie von Generation zu Generation weiter oder von Allmende zu Allmende. Weideflächen, Wälder, Äcker und Wasserquellen haben vorübergehende Besitzer für den Moment der Bearbeitung. Der Wechsel entsteht, wenn die Bauern und Gärtner weiterziehen. Die gemeinschaftliche Versorgung wird auf der Allmende organisiert und in der Charter of the forest zusammengefasst: „Jeder freie Mensch darf deshalb, ohne verfolgt zu werden, im Wald  oder auf dem Land eine Mühle, eine Domäne, einen Teich, eine Mergelgrube, einen Wassergraben oder kultivierbares Land im Dickicht errichten, unter der Bedingung, dass dies nicht irgendeinen Nachbarn schädigt.“

Bäuerliches und handwerkliches Arbeitsvermögen benötigen spezifischen Arbeitsvermögen. Der Bauer entwickelt Kompetenzen in der Boden-berarbeitung und Tierhaltung. Die Natur ist der primäre Arbeits-gegenstand. Der Handwerker bearbeitet als Kleinproduzent einen nichtnatürlichen Gegenstand und formt diesen. Negt und Kluge betonen in „Geschichte und Eigensinn“: „Seine Tätigkeit unterscheidet sich von der des Anderen.“ Der Handwerker muss verdeutlichen, dass „genau sein Produkt unentbehrlich und allein brauchbar sei.“

Acker- und Gartenbau, Jagd und Handwerk bestimmen Leben und Arbeit in dem vorindustriellen Gemeinwesen. Wer einen Hof besitzt, vererbt diesen in der Regel an den ältesten Sohn. Der Hof wirft nicht genug ab, um auch den zweiten oder dritten Sohn und ihre Familien zu ernähren. Diese wandern in die entstehenden Städte.

Im Mittelalter verbrauchen die Erzeuger als Selbstversorger das eigene Produkt. Schlechte Ernten bedrohen die Existenz. Der Austausch zwischen den Produzenten erfolgt ohne Marktbezug. Auf den Höfen und Gütern wird das konsumiert, was auch hergestellt wird. Kocka kommentiert: „Die fast überall vorherrschende Sozialform des Dorfes stärkte, bei aller inneren Ungleichheit, Gemeinschaftlichkeit statt Individualisierung und Konkurrenz, persönlichen Austausch statt anonyme Marktbeziehungen, Tradition vor Kritik.“ Im Spätmittelalter ist diese Produktionsform seltener anzutreffen. Die bäuerlichen Betriebe sind direkt oder indirekt in das Marktgeschehen einbezogen. Der Erlös der Ernte dient, um Abgaben zu bezahlen oder um benötigte Güter kaufen zu können.

In Krisenzeiten werden minderwertige Nahrungsmittel angeboten, was zur Folge hat, dass sich in den einkommensschwachen Schichten Hunger und Krankheit, Bettelei und von der Norm abweichendes Verhalten ausbreiten. Die Sterberate steigt drastisch an, wie der Wirtschaftshistoriker Plumpe beschreibt.
Das gilt auch für Landstriche, die gemeinschaftlich, also von der Allmende, genutzt wird.
Der Feudalismus und ständische Herrschaft dominieren.
Literatur:
Kocka, Geschichte des Kapitalismus, 2017
Negt, Kluge, Geschichte und Eigensinn, 1981
Plumpe, Wirtschaftskrisen, 2017
Spät, Martin Luther; der Vater des Arbeitsfetischs, Zeit-Online vom 25.11.2016, zitiert Charter oft the Forest: http//info.sjc.ox.acuk, zitiert in
Bauer, letzter Aufruf 09.04.2019

 

 

Die Große Transformation

Einleitung

Die Große Transformation ist die Epoche, die den Übergang von der Allmende zur industriellen Produktion kennzeichnet. Gemeinschaftseigentum wird privatisiert und in dörfliche Strukturen durch Feudalgewalt eingegriffen. Bauern, Handwerker  und Tagelöhner werden freigesetzt und stehenden der beginnenden Industrialisierung zur Verfügung.
Die Große Transformation ist ein viele Jahrhunderte überdauernder, im Grunde nie abgeschlossener Prozess. Kein Bereich des täglichen Lebens ist ausgeschlossen. Das Gemeinwesen verändert sich grundsätzlich. Die Veränderung ist häufig mit massiver Gewaltanwendung verbunden und bringt Leid, Elend und Verarmung mit sich.


Die Zerstörung der Allmende und die Große Transformation

Die Zerstörung der Allmende als gemeinschaftlicher Arbeits- und Lebensgemeinschaft beginnt im Vereinigten Königreich im Spätmittelalter. Der niedere Landadel sorgt für Vertreibungen von gemeinschaftlichen Produktionsstätten, um diese durch Einzäunung privatisieren zu können. Im England des 15. oder 16. Jahrhunderts werden offene Felder von Adeligen eingefriedet. Ganze Landstriche sind durch das genannte „Bauernlegen“ durch Adlige Bauern und Handwerker in frühe Lohnarbeit und von Entvölkerung bedroht.

Der Wirtschaftshistoriker Polanyi beschreibt in „The Great Transformation“ das Bauernlegen mit den Worten: „Die Lords und Adeligen erschütterten die soziale Ordnung, brachen altes Gesetz und Sitte, manchmal mit Gewalt, häufig durch Druck und Einschüchterung.“ Durch die Einfriedung offener Felder werden ganze Grafschaften entvölkert. Den Armen wird ihr Land gestohlen und ehrliche Menschen zu Bettlern und Dieben gemacht. „Die soziale Struktur wurde zerbrochen“, lautet die bittere Schlussfolgerung von Polanyi.

In England zieht sich dieser Prozess der „Großen Transformation“ bis Mitte des 19. Jahrhunderts hin. In über 350 Jahre werden Bauern, Handwerker und Tagelöhner aus ihrer Lebensbahn geworfen. Sie werden zu Bettler, Vagabunden und Räuber. Als solche sind sie zur Lohnarbeit für die entstehenden Manufakturen nicht zu gebrauchen. Um der Entwicklung Einhalt zu gebieten, erteilt Heinrich VII. 1530 alten und arbeitsunfähigen Bettlern eine Bettellizenz. Der „gesunde“ und arbeitsfähige Bettler wird ausgepeitscht und eingekerkert. Es existiert der anständige Bettler, krank gebrechlich und alt, und der unanständige Bettler, arbeitsfähig, kräftig, gesund.
Elisabeth I. erweist sich als konsequente Vorbereiterin der kapitalistischen Produktionsweise und lässt nicht lizensierte Bettler, die älter als 18 Jahre sind, im Widerholungsfall hinrichten.

Der Hannoveraner Soziologe Oskar Negt betont in seinem Buch „Arbeit und menschliche Würde“ eindrucksvoll Vertreibung und Gewaltan-wendung: „Wir wissen, dass die Anfänge der Verinnerlichung des Arbeitszwangs mit Blut und Feuer in die Annalen der Geschichte eingeschrieben ist. 72000 Menschen, die ihre Handwerksbetriebe und Bauernhöfe verloren hatten, in die ihnen Freiheit versprechende Stadt gezogen waren und das Vagabundendasein der trostlosen Arbeit in den neu entstandenen Manufakturen vorzogen oder auch keine Arbeit fanden, hat Heinrich VIII. um 1530 aufhängen lassen. Königin Elisabeth I. ordnete um 1572 an, Bettler ohne Lizenz und über 14 Jahre sollten hart gepeitscht werden und am linken Ohrlappen gebrandmarkt werden....; aber vielfach  waren es auch die von ihrem Handwerksbetrieb, vom Boden und Gemeinwesen Vertriebenen, die nicht wollten.“

Das Betteln gehört im Mittelalter zum normalen Alltag. Wer im England des 16. Jahrhunderts bettelt, wird dagegen in Arbeitshäusern interniert.
Spät zitiert ein Gesetz, das Edward VI. 1547 erlässt: „Wenn jemand zu arbeiten weigert, soll er als Sklave der Person zugeteilt werden, die ihn als Müßiggänger denunziert hat. Er hat das Recht, ihn zu jeder auch noch so eklen Arbeit durch Auspeitschung und Ankettung zu treiben. Wenn sich der Sklave für 14 Tage entfernt, ist er zur Sklaverei auf Lebenszeit verurteilt und soll auf Stirn und Backen mit dem Buchstaben S gebrandmarkt, wenn er zum dritten Mal fortläuft, als Staatsverräter hingerichtet werden. Der Meister kann ihn verkaufen, vermachen, als Sklaven ausdingen, ganz wie andres bewegliches Gut und Vieh.“

Mit der Zerstörung der Allmende und vorindustriellen Gemeinschaft wird das Marktgeschehen nicht länger durch lokalen Tauschhandel bestimmt. Kaufleute beginnen auf regionalen bzw. überregionalen Märkten zu dominieren. Für Polanyi ist das der Kern der Transformation: „Die Wirtschaft ist nicht mehr in die sozialen Beziehungen eingebettet, sondern die sozialen Beziehungen sind in das Wirtschaftssystem eingebettet.“
Von nun zählen Arbeit in Form von Arbeitskraft, Boden in Form von Natur und Geld in Form von Finanzmitteln als Waren und sind die Voraussetzung für. Damit sind nach Polanyi die Voraussetzungen für „die Transformation der Gesellschaft in eine Marktgesellschaft“ geschaffen.


Zerstörung dörflicher Gemeinschaften in Deutschland

Im frühen Deutschland sind verbliebene Allmende und Gemeindefluss dörfliches Gemeineigentum zum Nutzen aller, auch der ärmeren Dorfbewohner. „In der Regel existierten in ein und derselben Region grund- bzw. gutsherrschaftlich eingebundene Bauernhöfe neben Anwesen freier Bauern und neben Domänebauern, die dem Landesherren unterstanden“, schreibt Kocka. Zu Beginn des Mittelalters teilt der Grundherr ausgehend vom Herrenhof oder Fronhof den Bauern Bauernstellen zu, die diese selbst bewirtschaften dürfen.

Für Marx und Engels setzt mit der Zerstörung der dörflichen Gemeinschaft die „ursprüngliche Akkumulation“ ein. Für Negt und Kluge ist die „ursprüngliche Akkumulation“ ein Prozess ist, der sich in Deutschland über die „gesamte Geschichte von Feudalismus und kapitalistischer Formation zerstreut.“

Das Mittelalter ist von starken Ernteschwankungen und einem intensiven Siedlungsrückgang geprägt. Grund dafür ist die spätmittelalterliche Agrarkrise und das Ende der Erschließung der Gegenden mit wenig oder keiner Siedlung. Mitte des 14. bis Mitte des 16. Jahrhunderts sorgen zudem die Pest und andere Seuchen für eine Entvölkerung und Zerstörung ganzer Landstriche. Das Bevölkerungswachstum kann die Sterblich-keitsrate nicht kompensieren, so dass die Löhne steigen und die Verstädterung zunimmt. Die Landwirtschaft kann nicht mehr alle Arbeitskräfte nutzen, so dass diese in hoher Zahl freigesetzt werden. Die „Freigesetzten“ zieht es in Städten oder Dörfer, ohne Beschäftigung zu suchen. Der Status des Arbeiters gewinnt nach Mumford an Bedeutung, „und der Bedarf an Maschinen wuchs.“

Im 16. Jhdt. ist es endgültig vorbei mit der Allmende. Das „Bauernlegen“ findet nach dem Dreißigjährigen Krieg bis zum Ende des 18. Jhdt. statt und rief z.B. in Kursachsen Bauernaufstände hervor. Gemeinschaftseigentum wird privatisiert, enteignet das „freie“ Volk. Der Enteignungsprozess mündet im Bauernkrieg (1524 – 1526).
Mehr als einhunderttausend Menschen verlieren ihr Leben und die Bauern den Krieg. Der Raub der Allmende zwingt Bauern und Handwerker dazu, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Ab dem 16. Jhdt. greift die Landesherrschaft in dem damaligen Niedersachsen verstärkt in die dörflichen Gemeinschaften ein. Ihr Eingriff  verhindert die bis dahin praktizierten Erbteilungen und setzt durch, dass ein einziger Erbe das Anwesen erbt. Nach Schneider ermöglicht die Landesherrschaft „gegen den teilweise erbitterten Widerstand der Dorfbewohner die Ansetzung neuer Siedler auf den genossenschaftlich genutzten Flächen.“

In den Herzogtümern Schleswig und Holstein nehmen ab dem 15. Jhdt. bis zu Beginn des 17. Jhdt. die adligen Grundherren ihre Chance wahr und nutzten Bevölkerungsanstieg und steigende Getreidepreise, um die Flächen des zu ihrem Hof gehörenden Feldes auszuweiten. Ein erheblicher Teil der Bauern verfügt über immer weiter schrumpfende Flächen, die zudem auf Grund der kargen Bodenbeschaffenheit nur geringen Ertrag bringen. Vielen bleibt nichts weiter, als die Region zu verlassen.
Otto Ulbricht fasst in „Angemaßte Leibeigenschaft“ zusammen: „Doch je weiter das 16. Jhdt. fortschritt, desto mehr gingen sie (die Grundherren, G.S.) dazu über, Bauern zu legen.“ Bauern sollen fortan dem Grundherrn zu erhöhten Diensten sein, was mehr und mehr dazu führt, dass die Bauern das Gut und dessen Gebiet verlassen. Die Folge ist, dass ab 1614 Leibeigenschaft anerkannt wird. Ulbricht schreibt weiter: „So wurde der persönlich freie Bauer zum Leibeigenen, der gering belastete adlige Untertan zum Leibeigenen und zum täglichen Dienstpflichtigen.“
Die Verarmung wird den Bauernkriegen und der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg bis weit ins 17. Jahrhundert zugeschrieben und als kulturelle Selbstverständlichkeit angesehen. Mit der Niederlage der Bauern in den Bauernkriegen erleben diese einen Einschnitt, wie sie im Vereinigten Königreich die Bauern durch Enteignung und „ursprüngliche Akkumulation“ erleben, wie Marx und Engels beschreiben.


Der lange Weg von Leibeigentum zu freien Lohnarbeitern

Im 16. Jahrhundert ist die Leibeigenschaft im östlichen Niedersachsen weitgehend aufgelöst. Dagegen bleibt sie im westlichen Niedersachsen bis ins 19. Jahrhundert erhalten. Nicht nur die Höfe sind im Besitz des Gutsherrn, sondern auch die Hofbesitzer.
Die Grundherrschaft, also die Verfügungsgewalt über Grund und Boden und oft auch über Menschen, ist ein zentrales Kennzeichen agrarischen Gesellschaft.  Schneider betont, die Grundherrschaft sei Wesensmerkmal einer Gesellschaft, in der Ungleichheit ebenso geprägt sei „wie durch die grundlegende Bedeutung von Landbesitz, der nicht allein von zentraler ökonomischer Bedeutung war, sondern zugleich über die gesellschaftliche Stellung, damit über Prestige und Chancen zur Machtausübung entschied.“
Neben dieser Grundherrschaft mit Leibeigenschaft ist die so genannte „Zehntherrschaft“, eine Form der Feudalrente, eine unterdrückende Belastung.
Als in den Jahren 1771 / 1772 zwei Missernten aufeinander folgen, sind die Vorräte der  „kleinen Leute“ schnell aufgebraucht. Außerdem fehlt es an Aussaat. Schneider weist auf ihre Verarmung hin: „Die Preise stiegen sprunghaft, so dass auch für viele Landbewohner das Brotkorn nahezu unerschwinglich teuer wurde. Die Bauern versuchten, ihre Ernte an die Meistbietenden zu verkaufen, da sie die während des vorhergegangenen Siebenjährigen Krieges erlittenen Verluste nun ausgleichen wollten, wurde das Brotkorn zudem noch knapp. In der Krise zeigte sich die Ungleichheit der ländlichen Gesellschaft ebenso krass wie die gegenseitige Abhängig-keit der dörflichen Schichten. Während eine kleine Minderheit von Bauern von den extrem hohen Preisen profitierte, litt ein Großteil der ländlichen Bevölkerung an Hunger. Der durch die hohen Getreidepreise bedingte Kaufkraftschwund führte zu einer Absatzkrise bei den ländlichen Gewerbetreibenden.
Schneider weist darauf hin, dass viele der sogenannten kleinen Leute nur noch teilweise in der alten dörflichen Ordnung überleben konnten. „Man war auf zusätzliche Verdienstmöglichkeiten angewiesen und versuchte der Unterbeschäftigung und gänzlichen Verarmung durch Garnspinnen und Leinenweberei, durch Hausierhandel und andere Tätigkeiten zu begegnen.“

Ein erheblicher Teil der Arbeitskräfte entzieht sich dem feudalen Zwang. Der Feudalismus besonders in Ost- und Mittelosteuropa führt  im Binnenverhältnis zu einer stärkeren Bindung der Bauern und anderer Gutsuntertanen an ihre Feudalherren durch das „Bauernlegen“, was ihre Eigenwirtschaft erweitert und die Ausbeutung der Fronarbeiter vergrößert.
Diese Form unfreier Bauern überdauert die Bauernbefreiungen des frühen 19. Jahrhunderts.

Noch entziehen sich immer wieder potenzielle Arbeitskräfte dem feudalen Zug. Ein erheblicher Teil der Arbeitsrente, die die abhängigen Bauern an die Feudalherren zu liefern haben, löst sich bereits vor der Bauern-befreiung (Ende 18. Jhdt.) dadurch auf, dass die nicht mehr in Anspruch genommen wird. „Mit der Bauernbefreiung, die in einigen Regionen erst in den 1860er Jahren abgeschlossen war, und der Aufhebung des Gesinde-zwangdienstes änderte sich die Stellung der Unterschichten“, so Verheyen in „Die Erfindung der Leistung“.
Damit zählen sie nicht mehr zum Gesinde und können ihre Arbeit auf dem Markt der aufstrebenden deutschen Industrie anbieten.

1794 werden die Bauern durch das allgemeine Landrecht zumindest aus der Erbuntertätigkeit auf den königlichen Domänen entlassen.
Doch ein erheblicher Teil der Bauern ist bis ins beginnende 19. Jhdt. an ihren Boden bzw. an die Feudalherren gebunden.

Als die preußische Armee 1806 bei Jena von Napoleon geschlagen wird, wird Preußen klar, dass die Wahrscheinlichkeit mit freien Soldaten Schlachten zu gewinnen, größer ist, als mit zwangsverpflichteten. Bauern werden befreit bis Frankreich besiegt wird, worauf die Freiheitsrechte der Bauern zugunsten der Feudalherren wieder verringert werden. Jetzt werden endgültig aus Leibeigenen lohnabhängige Landarbeiter geschaffen. Der Grundherr ist nicht mehr verpflichtet, für die Bauern zu sorgen. Die Bauern haben die Möglichkeit, dem Grundherrn den Boden abzukaufen. Händeler weist auf die um 1800 einsetzende Marktorientierung der Landwirtschaft hin: „Dafür nehmen die Bauern einen Kredit auf, der sich auch gut bedienen lässt...Die Preise, welche die Bauern für Lebensmittel erzielen, sind hoch, obwohl die Ernten steigen. Weideland und dörfliche Gemeinschaftsflächen werden mit der Bauernbefreiung in Äcker umgewandelt.“
Die Bauernbefreiung, die  1807 einsetzt und sich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinzieht, sorgt für höhere Produktivität in der Landwirtschaft und „trug zur Mobilisierung neuer und freier Arbeitskräfte für den industriellen Arbeitsmarkt der Zukunft bei“, wie Abelshauser treffend bemerkt.

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts führen europäische Missernten zu Not und Armut. Wohnungsnot, Hunger und mangelnde Hygiene bestimmen das Bild in den Städten. Das Durchschnittsalter der Arbeiter liegt unter fünfzig Jahren. Gründe liegen in schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen. Ohne Frauen- und Kinderarbeit wären die Produktionsstätten den Nachfragen nicht gewachsen gewesen.Bis in die Mitte der 1800er Jahre ist die Fabrikarbeit geprägt von langen Arbeitszeiten, schlechter Entlohnung und schwerer körperlicher Arbeit. Dass der Umfang von Frauen- und Kinderarbeit verringert wird, liegt einmal daran, dass die in Fabriken und im Bergbau tätigen Heranwachsenden nach preußischem Verständnis keine ordentlichen Rekruten abgeben, zum anderen auch daran, dass seit Mitte der 19. Jahrhunderts Sozialpolitik immer wichtiger wird.
Die Agrarkrise in den 1820er ist das Ergebnis mangelnder Produktivität. Die Anbauflächen sind zu klein. In der Krise werden die Preise gedrückt. Aus ihnen werden potenzielle Industriearbeiter. Händeler fasst zusammen: „Das Elend der Bauern ist Ausdruck verdeckter Arbeitslosigkeit.“ Wer dem Frondienst nicht mehr folgt, steht mit seinem Arbeitsvermögen den Manufakturen und Verlagen zur Verfügung.


Literatur:

Abelshauser, Kulturkampf, 2003
Händeler, Die Geschichte der Zukunft, 2009
Kocka, Geschichte des Kapitalismus, 2017
Marx, Engels, Das Kapital Bd. 1, 1970
Mersch (Hgb), Mensch und Natur – Wechselwirkungen in der Vormoderne univerlag.uni-goettingen.de/handle/3/isbn-978-3-86395-285-3, letzter Aufruf 18.10.2020
Mumford, Mythos der Maschine, 1981
Negt, Arbeit und menschliche Würde, 2001
Negt, Kluge, Geschichte und Eigensinn, 1981
Polanyi, The Great Transformation, 1978
Schneider, Am Vorabend der Bauernbefreiung, Agrarische Verhältnisse und frühe Reformen in Niedersachsen im 18. Jahrhundert, 2014 www.lwg.uni-hannover.de/w/images/4/4a/Schneider_Vorabend_2014.pdf, letzter Aufruf 18.10.2020
Spät, Martin Luther; der Vater des Arbeitsfetischs, Zeit-Online vom 25.11.2016, zitiert Charter oft the Forest: http//info.sjc.ox.acuk, zitiert in
Bauer, letzter Aufruf 09.04.2019
Spät, Martin Luther; der Vater des Arbeitsfetischs, Zeit-Online vom 25.11.2016, Aufruf 09.04.2019
Verheyen, Die Erfindung der Leistung, 2018
Aktualisiert: 19.10.2020

 

Den Übergang gestalten

Wertschöpfung von morgen

Die Basisinnovation eng vernetzter Technologien initiiert die Wertschöpfung der Zukunft. Die aus den Basisinnovationen hervorgehende Leitindustrie hat entscheidenden Einfluss auf Wachstum und wirtschaftliche sowie soziale Entwicklung. Dieser Prozess führt zu einer Reorganisation der Gesellschaft. Dazu ist es notwendig, dass die Basisinnovationen zu einer großen Anzahl neuer Firmen, Produkte und Dienstleistungen führen und dass die Börse die Investitionen in jene Firmen lenkt, die sich auf die Herstellung und Anwendung der Basisinnovationen spezialisiert haben. Es entsteht eine neue Infrastruktur  und in den Betrieben werden effizientere Arbeits-, Führungs- und Organisationskonzepte möglich. Im Bildungswesen gibt es neue methodisch-didaktische Konzepte, neue Berufe, Fachgebiete und Lerninhalte.
Als Märkte gelten nach L. und S. Nefiodow der Informationsmarkt, der Umweltschutz mit regenerativen Energien, die Biotechnologie und der Gesundheitsmarkt, ergänzt durch Nanotechnologie, Weiterentwicklung des Internets, der Tourismus- und Unterhaltungsindustrie, optischer Technologien sowie des Marktes für Rohstoffe und neue Als Grundlage sämtlicher Märkte gelten Daten. Daten sind der Rohstoff der Zukunft. Dieser Rohstoff entstammt Individuen und ihrem Verhalten, Gesellschaften sowie Lebens- und Arbeitsprozessen.

Ob diese auf Wachstum setzende Wertschöpfungskette der Zukunft und den Anforderungen von Gesellschaft, Ökologie und Wirtschaft real entspricht oder nur zu neuen sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Verwerfungen führt, ist nicht entschieden.


Informationswirtschaft

Zu den Basisinnovationen zählt die Informationswirtschaft mit der Bereitstellung von Hard- und Software sowie der dazu gehörigen Infrastruktur, wie z.B. ein für alle Menschen zugängliches und erschwingliches Internet, G 5 Netze und Glasfaserkabel. Die vernetzte industrielle Warenproduktion und Dienstleistungsbereitstellung in Form der Cyber-Phyischen-Systeme (CPS) sowie die Plattformökonomie sind Schlüsselindustrien. Basisinnovationen und Schlüsselindustrien werden ergänzt durch das Internet der Dinge.
Die Erhebung, Speicherung und Verarbeitung von Daten gelten als Schlüssel zur Zukunft und als immaterielle Grundlage des Informationsmarktes der Zukunft.


Biotechnologie

Die Biotechnologie ist Grundlage  für abbaubare Kunststoffe, Medizintechnik, pharmazeutische Produkte, Ernährung und Landwirtschaft. Sie ist Basis für Gesundheitsdienste mit Unterstützung von Implantate, Chips und Biosensoren. Ein Blick in die Natur zeigt, dass es sowohl in der Abfallverwertung wie in der Energiegewinnung oder dem Konstruieren von Gebäuden Vorbilder gibt, die genutzt werden können.
Die Fraunhofer-Gesellschaft spricht von einer biologischen Transformation. Ein erheblicher Teil der heutigen chemischen Produktion fällt auf Biotechnologie.  Sie nutzt Bakterien, und Pilze als Rohstoffe. en ihren festen Platz im Zentrum der chemischen Produktion. „Drohnen werden nach dem Vorbild von Bienengehirnen gesteuert...Die Nutzung von Materialien und Prinzipien der Natur ist auf dem Vormarsch.“
Auch Biotreibstoffe, biobasierte und lokal verfügbarer Werkstoffe und Materialien sollen mehr genutzt werden. Es gilt das bionischer Prinzip bei der Produktgestaltung durch „bionische Strukturen, Funktionen und Oberflächen sowie innovative Fertigungstechnologien – beispielsweise additive Verfahren oder selektive Beschichtungstechnologien mit biogenen Materialkomponenten. Das Ergebnis: Der Transportaufwand sinkt, die Materialeffizienz und die Resilienz gegenüber Turbulenzen in der global verteilten Wertschöpfungskette steigen.“
verstärkt  einzusetzen.
Emissionen und Abfälle sollen durch biobasierte Ansätze minimiert werden. „Hierzu zählen beispielsweise biologische Filtermechanismen in Form von Bakterien, Pflanzen oder auch die aktive Nutzung von Abfällen und Emissionen in intelligenten Dachgewächshäusern. Die Produktions-»Abfälle« werden in Bioraffinerien wiederverwendet.“


Gesundheit und psychisches Wohlbefinden

Gesundheit wird sich künftig an Prävention und Salutogenese (=Was hält mich, mein Unternehmen, meine Gesellschaft gesund? Was ist Grundlage unserer Gesundheit?) orientieren und weniger an pathogenen Faktoren bzw. einer krankheitsorientierten Medizin verstehen. Gesundheit umfasst in diesem Zusammenhang Spiritualität und Sport. Psychosoziale Faktoren in Arbeits- und Lebenswelt werden bedeutender. Es geht praktisch um ein stabiles Selbstwertgefühl, ein positives Verhältnis zum eigenen Körper, die Fähigkeit, stabile Freundschaften zu schließen und zu erhalten, für eine intakte Umwelt zu sorgen und in dieser zu leben. Eine sinnstiftende Arbeit ist ebenso wichtig wie unter gesunden Arbeitsbedingungen zu arbeiten und Gesundheitskompetenz erwerben zu können. Der Zugang zu einer hochwertigen Gesundheitsversorgung steht jedem Menschen offen. So vermag jeder Mensch in einer Gegenwart zu leben, die einer lebenswerten Arbeits- und Lebenswelt entspricht und Hoffnung bietet für eine gesunde Zukunft. Gesundheits- und Pflegedienste mit individualisierten Gesundheitsdaten zählen ebenso dazu wie ein immer umfangreicherer und spezifischer Arzneimittelmarkt, ebenso dazu wie digitalisierte Therapieformen und digitale Gesundheitspolitik.
Kooperation statt Konkurrenz Gemeinschaft statt Wettbewerb sowie Ausgewogenheit zwischen Geben und Nehmen sind weitere Faktoren des Zukunftsfeldes Gesundheit. Selbstentfaltung, Religiosität und Spiritualität sind Grundlagen seelischen und geistigen Wohlbefindens.


Umwelt- und Naturschutz

Umwelt- und Naturschutz, regenerative Energie und ressourcen-schonendes Wirtschaften mit Kreislaufwirtschaft gelten als weiterer Pfeiler zukunftsorientierten Handelns.
Energie- und Mobilitätswende ergänzen die Basisinnovationen.
Mobilität weist sowohl eine soziale wie eine ökologische Dimension auf.
Zunächst ist es eine Frage des Antriebs (z.B. Diesel, Benzin, Treibstoff aus nachwachsenden Rohstoffe, Hybrid, Strom). Was ebenfalls zu klären ist, ist das Verhältnis von Nutzung und Besitz von Fahrzeugen und zum Dritten Fahrzeugsteuerung und -haltung. Autonomes Fahren, heißt, der Fahrer greift nicht. Die Steuerung erfolgt durch Sensoren, Informationen und Algorithmen. Autonomes Fahren beinhaltet ein Mobilitätskonzept, dass eine Plattformökonomie benötigt. In dieser werden Daten erhoben, gespeichert und genutzt. Diese Daten drücken das Mobilitätsverhalten der Nutzer aus, so dass die Frage im Raum steht: Wem gehören die Daten? Wer ist bei Unfällen und anderen Schadensereignissen verantwortlich? Wer haftet?
Auch das Verhältnis von Land zur Stadt und die Raumbeziehung werden in einem Zukunftskonzept „Mobilität“ zu beantworten sein. Zum Natur- und Umweltschutz gehört ebenfalls eine Landwirtschaft, die an Biodiversität, einer Entdichtung des Bodens und ökologischen Kreisläufen orientiert ist


Materialtechnik

Nanotechnik, Kunststoffe, die grundsätzlich recycelbar sind sowie Verbundstoffe wie Kohlefaser-Metall-Kunststoff machen die Materialen der Zukunft aus.
Zur Materialtechnik des VI. Kondratieff zählt Wiederverwertung von vernutzten Materialien und ein ressourcenschonender Einsatz von Rohstoffen.
Zur Materialtechnik gehören ferner Biobasierte Stoffe aus Bioraffinerien, die Kreislaufführung von Kohledioxid oder biobasierte Kunststoffe.
Ein hohes Potenzial bringt die Zusammenführung von  Nano- und Biotechnologie mit dem  Ziel, dass biologische oder biobasierte Materie mit technischen Komponenten kommunizieren sollen.
Bei Nanotechnologien handelt es sich um winzigste Partikel. Ein Nanometer ist z.B. ein Milliardstel Meter. Nanomaterialien erhöhen die Zugfestigkeit, z.B. von Nano-Kohlenstoffen. Nano-Technologie lässt sich z.B. in Textilien, Wasseraufbereitung, Oberflächenbeschichtungen und Energietechnik einsetzen. Nanomaterialien reduzieren den Energieaufwand bei der Produktion z.B. von Stahl oder Zement.

Besonders in der Medizin versprechen sich Wissenschaftler viel von der Nanotechnologie. Sie soll das U-Boot sein, das Wirkstoff in den sicheren Hafen bringt und durch den Körper manövriert. Hier sind die Risiken auszuleuchten, um zu wissen, welche Auswirkungen Nanotechnologien im Körper z.B. auf das Gehirn, Resistenzen gegen Bakterien oder in Ökosystemen haben. Niemand weiß bislang verlässlich, was die Nanopartikel anrichten, wenn sie ihre logistischen Aufgaben im Körper erledigt haben und was z.B. Nanomengen Silber im Trinkwasser anrichten.


Freizeit, Unterhaltung und Kommunikation

Die Gesellschaften werden sich zwischen Mündigkeit und Kontrolle, Freiheit und Abhängigkeit, Fremdbestimmung und Selbstbestimmung entscheiden müssen.
Spiele gibt es seit der Antike. Brettspiele, Videospiele und in absehbarer Zeit Simulationen ähnlich eines Holodecks amüsieren Menschen, verschaffen ihnen Kurzweil und Geselligkeit.
Streamingdienste treten an Stelle von Radio, Fernsehen und DVD´s als Tonträger.
Im Umgang mit der Natur kann sich das Freizeitverhalten in zwei Richtungen entwickeln. Zum Einen der Freizeitkonsum mit immer exotischeren Reisezielen und zum Anderen das Freizeitverhalten, dass die Nähe zur Region ausdrückt und sich auf Rad fahren und Wandern beschränkt.
Die Kommunikation wird eine Schlüsselfunktion übernehmen. Digitale und analoge Medien werden ebenso wie der zwischenmenschliche Austausch nebeneinander ihren Platz finden.


Die „Große Transformation“ – der Übergang vom V. zum VI. Kondratieff

Der Übergang vom V. zum VI. Kondratieff-Zyklus könnte ähnlich einschneidend sein, wie der Übergang von der Agrarwirtschaft zur Industriewirtschaft und kann als „Große Transformation“ angesehen werden, Vergleichbar mit der „Großen Transformation“ vor Beginn der Industrialisierung ist die bevorstehende Transformation, die Wirtschaft, Gesellschaft und Individuen in Arbeits- und Lebenswelt, betreffen wird.
So wie die Große Transformation die Entstehung der liberalen Marktgesellschaft durch das Privatisieren von Gemeinschaftseigentum und der Zerstörung der Allmenden bewirkt hat, wird die Transformation des ausgehenden 20. Und des beginnenden 21. Jahrhunderts gravierenden Einfluss auf Arbeits- und Lebenswelten nehmen.
Die Inwertsetzung von Arbeit und Boden führt  bis heute zu Schädigungen ihrer Substanz und ihrer sozialen Funktion. Arbeit, Boden und Geld wurden zu Tauschobjekten, die auf dem Markt gehandelt wurden.
Die Informatisierung aller Arbeits- und Lebenszusammenhänge führen mit der Decarbonisierung zur doppelten Transformation.
Materialien.


Literatur:

Fraunhofer-Gesellschaft, White-Papier Biologische Transformation und Bioökonomie www.fraunhofer.de/content/dam/zv/de/forschung/artikel/2018/Biologische-Transformation/Whitepaper-Biologische-Transformation-und-Bio-Oekonomie.pdf, letzter Aufruf 10.10.2020
Schneidewind, Die große Transformation, 2018
Wissen, Kommodifizierte Kollektivität in Dörre, Rosa, Becker, Bose, Seyd (Hrsg.), Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften, 2019