Von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft - die große Transformation

Leben im Ökosystem

Die heutige Transformation hat in der frühen Transformation der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft einen Vorläufer. Ein Blick auf diese frühe Transformation hilft die aktuelle besser zu verstehen.
Ich beginne, als unsere Urahnen als Jäger und Sammler durch Steppen und Wälder streiften.
Eine ihrer wichtigsten Entdeckungen das Feuer und seine Entfachung. Durch das Feuer vervielfachen sich die Möglichkeiten der Ernährung: Ungenießbares zu Genießbarem, Rohes zu Gekochtem. Nahrungsmittel werden lagerfähig. Alte, Gebrechliche und andere Mitglieder, die nicht arbeitsfähig sind, können mit durchgefüttert werden.

Das Feuer ist in diesem Ökosystem die wichtigste Energiequelle. Es basiert auf in Biomasse gespeicherter Sonnenenergie. Die in den Nahrungsmitteln gebündelte Energie steht unseren Urahnen zum Leben und Überleben zur Verfügung. Sie entnehmen der Natur nicht mehr, als nachwachsen kann.
Sie leben in natürlichen Zeitzyklen wie Tag und Nacht und folgen dem Wechsel der Jahreszeiten. Natürliche Zeitzyklen schaffen Orientierung. Ihre Arbeitszeit ist überschaubar. Sie scheinen über ausreichend Zeit für Muße, Kultur und Mythen gehabt zu haben.


Optimierung von Arbeitsmitteln

In der frühen Agrarwirtschaft werden über viele Jahrhunderte verteilt das Rad, Transportgeräte wie Körbe und Lagermöglichkeiten für Nahrungs-mittel erfunden. Mit der Faust Holz zu spalten, gelingt den wenigsten. Daher ist es erforderlich, Gegenstände des täglichen Gebrauchs wie Werkzeuge, Ackergerätschaften und Waffen ständig zu optimieren. Optimierung zur Erhöhung der Produktivität ist eine menschliche Begabung, die ohne Arbeitskönnen und abstraktes Denken nicht möglich sind. So wird des unseren Urahnen möglich, die wachsende Bevölkerung und entstehende Städte zu versorgen.


Frühe Identitätsbildung und geschlechtliche Arbeitsteilung

Unsere Vorfahren bilden ihre Identitäten in der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und ihrem Tun heraus. Sie werden zu Jägern, Fischern oder Bauern. In der Agrargesellschaft bildet sich zudem die geschlechtliche Arbeitsteilung heraus: der jagende Mann und die dem Gartenbau verbundene Frau.


Zyklische Zeit

In der Allmende, den frühen Gemeinschaften, orientieren sich unsere Ahnen weiterhin an natürlichen Zeitzyklen. Sie leben mit der Natur. Die Energiegewinnung erfolgt aus Biomasse durch Verbrennen und aus Nahrungsmitteln für die Ernährung. Die über viele Jahrhunderte andauernde Optimierung von Nutzpflanzen und -tieren hilft, den menschlichen Energiebedarf zu decken. Menschliche Arbeitskraft wird durch tierische Zugkraft erweitert.


Leben in der Allmende

In der germanischen Allmende sind ihre Mitglieder frei. Sie kennen weder Königtum noch Schrifttum. Ihre Mitglieder werden in einem demokra-tischen Verfahren gewählt und abgesetzt.
Der Boden gehört denen, die ihn bearbeiten. Ist der Boden ausgelaugt, ziehen die Gemeinschaften weiter. Bis ins Mittelalter sind die Gemein-schaften selbstversorgend.


Hierarchisierungen und Identitäten

Mit zunehmendem Einfluss des Römischen Reichs und später unter der Herrschaft der Franken, bilden sich Hierarchien. Die Gemeinschaften wählen nicht mehr ihren Anführer, sondern erhalten Könige. Ihre Selbstbestimmung wird unter den Franken weiter eingeschränkt, Hierarchien ausgebaut. Die Franken bauen häufig an den Orten, an denen die Gemeinschaften ihre Versammlungen abhalten, Kirchen. So wollen sie die Akzeptanz der Germanen gegenüber den Franken erhöhen.

Identitäten in der Allmende bilden sich noch immer über Zugehörigkeit und Tun heraus. Handwerker entwickeln sich zu Spezialisten, die ihre Produkte an ihre Kunden weitergeben. Diese erhalten Unikate, die von der Handwerkerkunst geprägt sind. Arbeit spielt noch immer eine untergeordnete Rolle – sie ist Zweck, nicht Mittel.


Lehns- und Feudalsysteme

Mit dem zerbrechenden Römischen Reich, der Völkerwanderung und der simplen Einsicht, dass viele Höfe ihre Nachkommenden Generationen nicht mehr ausreichend ernähren können, werden die Gemeinschaften in größere Gesellschaften eingebettet. Städte wachsen, Recht wird vom Kaiser ausgeübt und wer die Schriftform beherrscht, übt Herrschaft aus. Ganz unten im Bodensatz des Lehns- und Feudalsystems schuften Bürger, Handwerker und Bodenbearbeiter. Sie besitzen nur Teilrechte an ihrer Person und dem Boden. Freie und Halbfreie leben neben, mit und unter Guts- und Feudalherren. Den Freien gehört noch immer der Boden.


Standesidentität

In den Städten kristallisieren sich mit Kaufleuten und Handwerkern neue Identitäten heraus. Andere Identitäten bilden sich über berufliche Tätigkeiten heraus. Sie gehören als Geistliche der Kirche an, als Ritter dem Adel und als Handwerker, Kaufleute und Bauer dem arbeitenden Volk.


Arbeit, nichts als Arbeit

Wer im antiken Griechenland arbeitet, ist unfrei, Sklave. Lediglich der Landwirtschaft wird positiv bewertet. Arbeit ist nebensächlich. Der würdevolle, freie Mensch arbeitet nicht.
Im Römischen Reich ändert sich der Stellenwert der Arbeit minimal. Landwirtschaft steht nach wie vor hoch im Kurs, das Handwerk genießt ein höheres Ansehen als im antiken Athen, wird aber noch immer abwertend betrachtet, als „schmutzig“.

In den Klöstern des beginnenden Mittelalters lassen sich erste Ansätze von Arbeitsethik finden. Kaufleute beginnen, sich über ihre Leistung zu definieren. Bei den meisten unserer Ahnen hat Arbeit noch immer einen geringen Stellenwert. Sie ist Mittel, nicht Zweck. Zeit für Muße muss sein. Arbeit gilt als Mühsal und Plackerei.

Seit dem 14. Jahrhundert dominieren Kaufleute, Bankiers und Händler.
Die Philosophin Hannah Arendt unterscheidet in ihrem Buch „Vom tätige Leben – Vita actiuva Arbeit und Werk. Ein Werk wird hergestellt und ist bleibend, während Arbeit nichts Bleibendes ist. Das Werk ist würdevoll. Das Gestalten und Herstellen des Werks geschieht in Würde. Arbeit ist ein fluider Prozess.
Dennoch wird Arbeit immer wichtiger und zunehmend durch Technik unterstützt. Die Wirtschaftshistorikerin Andrea Komsloy vertritt die Auffassung, dass die Arbeitsgesellschaft in der Reformation ihren Ursprung hat. Fleiß, Tugendhaftigkeit und Arbeitsamkeit drängen Muße und betuliches Freiheitverhalten langsam zurück.

Geldvermehrung wird zum Ausdruck von Leistung. Hier erkennen wir die Grundlage für die Philosophie des Utilitarismus. Der Utilitarismus besagt, dass eine Handlung dann moralisch einwandfrei ist, wenn der Gesamt-nutzen und das Wohlergehen aller Betroffenen maximiert wird. Es handelt sich um eine „zweckorientierte Ethik“. Es ist keine Überraschung, dass diese Ethik mit auf dem aufkommenden Wirtschaftsliberalismus an Bedeutung gewinnt. Wenn alle Menschen ihrer Arbeit mit bestmöglichem Einsatz nachgehen ist das Wohlergehen aller gesichert.
Facharbeiter und Handwerker entwickeln eine handwerkliche Arbeitsethik, die im Standesbewusstsein und beruflicher Identität münden.  


Leben im Mittelalter

Bevor es soweit ist, müssen die im Mittelalter immer wieder auftretenden Hungersnöte und Pandemien überwunden werden.
Negt und Kluge merken in „Geschichte und Eigensinn an: „Die gesamte mittelalterliche Geschichte besteht ökonomisch aus Krisen.“
Krisenzeiten sind Zeiten von Ressentiments, Vorurteilen und Diskrimini-erungen. Bereits gegen Ende des 11. Jahrhunderts, parallel zum Ersten Kreuzzug, greift im Rheinland ein aggressiver Antisemitismus um sich. In der Pestpandemie werden Juden zu Sündenböcken gemacht.
Viele hunderttausend Menschen erkranken und sterben. Doch nicht alle sind gleichermaßen von den Nöten und Seuchen betroffen.
Nach der Pestpandemie sind Arbeitskräfte knapp und Löhne steigen. Auch Pachten für zu bearbeitenden Boden werden geringer. Von überregiona-lem Handel profitieren Kaufleute wie die Fugger aus Augsburg.

Der Feudalismus verliert ausgangs des Mittelalters an Einfluss. Freie und unfreie Bauern leben mit Gutsherren in einem System gegenseitiger Abhängigkeiten. Freie Bauern leben neben Domänebauern, die dem Gutsherrn untergeben sind.
In den Dörfern und Städten leben unsere Ahnen teilweise in „Ganzen Häusern“, in denen gemeinsam gearbeitet und gewohnt wird. Die Gemeinschaft des „Ganzen Hauses“ arbeitet häufig durch eigene Landwirtschaft und eigenes Handwerk selbstversorgend.
Ist die Selbstversorgung nicht gegeben, wird kurzfristig oder dauerhaft Lohnarbeit angenommen. In einigen der „Ganzen Häuser“ leben der Fronarbeit verpflichtete Untertanen. Durch die Bindung an die Scholle des Grund- oder Gutsherrn wird die Freiheit der Wirtschaftssubjekte eingeschränkt, schreibt der Wirtschaftshistoriker Kocka.                                                                 Ein anderer Teil der städtischen und dörflichen Bevölkerung lebt als „Häusler“ oder „Gärtner“. Häusler sind Hausbesitzer ohne Grund und Boden, Gärtner beackern ein ihnen gehörendes Ackerland. Häusler verdingen sich als Lohnarbeiter bei den Bauern, während Gärtner häufig von ihrem Land leben können. Übersteigt der Ertrag den Verbrauch, kann der Überschuss auf dem Markt getauscht werden. Ist das nicht möglich, müssen sie sich als Lohnarbeiter verdingen, Handwerk betreiben, sich im Dorfhandel einbringen oder in der gewerblichen Produktion arbeiten. Negt und Kluge schreiben: „Der Rückgriff auf die freien Arbeitsvermögen der Häusler ist billiger und bringt ein qualifiziertes Arbeitsprodukt.“


Die Uhr und andere Erfindungen

Das Mittelalter ist nicht nur eine Zeit von Not, Hunger und Krankheit. Es ist auch eine Zeit der Erfindungen. Zu den wesentlichen Erfindungen des Mittelalters zählen der Kompass, die mechanische Uhr und die mit Pferde-kraft angetriebene Tretmühle.
Mit der Uhr findet ein Bruch in der Zeiterfassung und -wahrnehmung statt. Die zyklische Zeit wird zur linearen Zeit. Die Uhr ist Voraussetzung für die Industriegesellschaft. Ohne Uhr keine Zeitmessungen und keine über-regionale Zeitsynchronisation.
Zwischen Norditalien und deutschen Regionen um Nürnberg und Köln findet ein Technologietransfer zum Vorteil der Textil- und Papiererzeugung statt.


Energiegenutzung

Zur Energiegewinnung steht nicht mehr allein Solarenergie in Form von Biomasse zur Verfügung, sondern auch Wasser- und Windmühlen. Das fossile Zeitalter kündigt sich an. In einigen Städten wird neben Holz auch Kohle verbrannt. Der beißende Geruch und der entstehende Rauch machen Kohleverfeuerung unbeliebt.


Zerstörung der Allmende

Als im 15. Jahrhundert im Vereinigten Königreich die Allmende zerstört und ihr gemeinschaftlich genutzter Boden privatisiert wird, werden ganze Landstriche entvölkert. Der Boden wird zum Eigentum der Landlords. Er wird zur Ware. Der Sozialwissenschaftler Polanyi spricht davon, dass die soziale Struktur zerbrochen sei. Das Vertreiben der Bauern und Handwerker aus ihren Arbeits- und Sozialbezügen, von ihrem Grund und Boden, wird auch „Bauernlegen“ genannt
Die freigesetzten Bauern, entwurzelten Handwerker und vertriebenen Tagelöhner werden aus ihrer Lebensbahn geworfen. Sie mutieren zu entwürdigten Bettlern, Vagabunden und Räubern. Die Bettelei, die im Mittalalter noch wie selbstverständlich zum Straßenbild gehört, wird diskreditiert. Man unterscheidet den anständigen Bettler, der krank gebrechlich und alt ist, von dem unanständigen Bettler, der arbeitsfähig, kräftig und gesund ist. Der unanständige Bettler des Spätmittelalters wird als „Sozialbetrüger“ definiert, der es wagt, seine Arbeitskraft zurück-zuhalten und seine Arbeitskraft als „freier“ Lohnarbeiter nicht zur Verfügung zu stellen.
Um dem entgegen zu wirken, wird mit Blut und Feuer der Arbeitszwang verinnerlicht, wie der Soziologe und Philosoph Oskar Negt formuliert. Erst wenn der Arbeitszwang verinnerlich ist, steht der doppelt freie Lohn-arbeiter zur Verfügung. Doppelt frei deswegen, weil er weder Grund oder Boden besitzt und aus der Leibeigenschaft entlassen ist.

In Deutschland beginnt die Privatisierung gemeinschaftlichen Eigentums, der Allmende, etwa im 16. Jahrhundert. Der Enteignungs- und Zerstörungsprozess mündet im Bauernkrieg, der von 1524 bis 1526 andauert. Das „Bauernlegen“ überlebt den Dreißigjährige Krieg und zieht sich bis zum beginnenden 19. Jahrhundert.

Doch die Enteignungen und Zerstörungen beschränken sich nicht auf europäische Regionen. Ein erheblicher Anteil des notwendigen Kapitals wird von den europäischen Großmächten durch Krieg, Kolonisierung, Versklavung und Raub gewonnen. Erst sind es Portugiesen und Spanier, später Engländer und Holländer, die über weite Handelswege Asien und Afrika, Amerika und Europa miteinander verbinden. Der Anthropologe Gaeber fasst in seinem Buch „Schulden“ kurz und bündig zusammen, dass die Handelsgesellschaften einem simplen Rezept folgen: Erkundung, Eroberung und Ausbeutung.
Das durch Plünderung, Raub und Mord gewonnene Kapital verschafft mit der Zerstörung der traditionellen Arbeits- und Lebenszusammenhänge und dem Niedergang des Feudalismus den westlichen Industriestaaten einen produktiven Vorsprung gegenüber China oder südlicher Regionen.


Kaufmannskapital und Naturzerstörung

Im Mittelalter wird das Kaufmannskapital immer wichtiger. Es wird nicht nur in frühe Textilindustrie investiert, sondern auch in den Bergbau, der Verhüttung und der Hausindustrie. Die groben Linien des liberalen Kapitalismus zeichnen sich ab. Kapital, das der Investition für künftige Gewinne dient, ist die zweite Ware nach dem Boden.

Mit Bergbau, Verhüttung und wachsenden Städten nimmt der Natur-verbrauch zu. Wälder werden abgeholzt und verwüsten. Holz ist Baustoff, Arbeitsmittel und Energielieferant. Die Holzentnahme übersteigt bei Weitem das, was die Natur durch Photosynthese zu ersetzen vermag. Monokulturelle Fichtenwälder im Harz belegen die Verödung. Ökologische Gleichgewichte sind gestört.


Der freie Lohnarbeiter

Mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert und dem beginnenden 19. Jahrhundert startet die Industrialisierung, bekannt unter dem Begriff I. Industrielle Revolution. Der Kapitalist als Eigentümer von Manufaktur oder Fabrik steht dem „freien“ Lohnarbeiter gegenüber. Der „freie Lohn-arbeiter“ muss sich auf dem Arbeitsmarkt verdingen. Arbeit ist nach dem Boden und dem Kapital die dritte Ware, die auf dem liberalen Markt gehandelt wird. Der Feudalismus ist gesprengt. Die Philosophin Hannah Arendt merkt an: „Es war der Kapitalismus, der mit der Enteignung angefangen hat...Vor der Enteignung der unteren Schichten der Bevölkerung zu Beginn der Neuzeit ist die Heiligkeit des Privateigentums immer etwas Selbstverständliches gewesen; aber erst der enorme Zuwachs an Besitz, Reichtum und eben Kapital in den Händen der enteignenden Schichten hat dazu geführt, privaten Besitz überhaupt sakrosankt zu erklären. Eigentum war ursprünglich an einen bestimmten Ort der Welt gebunden und als solches nicht nur `unbeweglich´, sondern identisch mit der Familie, die diesen Ort einnahm...Kein Eigentum zu haben, hieß keinen angestammten Platz in der Welt sein eigen zu nennen.“

Mit der Manufaktur hält die Arbeitsteilung Einzug. Die Arbeitsorganisation wird vom Kapitalisten und seinen Maschinen vorgegeben. Innerhalb der Arbeiterschaft bilden sich Hierarchien. Die Identität der Menschen, die im „Ganzen Haus“ oder der Allmende zusammenlebten, zerbröselt. Die Identität des*der Arbeiters*in kristallisiert sich heraus. Jede*r, der nicht in Landwirtschaft und Handwerk integriert wird, werden in Manufakturen und Fabriken benötigt. Menschen, die angeblich dem Müßiggang folgen, die betteln, als Vagabunden durch die Welt ziehen oder verwahrloste Kinder werden der Industriepädagogik unterworfen.

Das menschliche Arbeitsvermögen hat sich in diesem Jahrhunderte währenden Prozess immer mehr lebendige Arbeit angeeignet. Der Mensch hat Techniken und Technologien entwickelt und optimiert. Die Bevölkerungen wachsen, Städte werden größer, die Menschen leben länger. Sie können nur ernährt werden, wenn mehr produziert, als gebraucht wird. In der Transformation von der Agrar- zur Industrie-gesellschaft wird der arbeitende Mensch von seinem Produktionsmittel, dem Boden, getrennt. In der Manufaktur oder der Fabrik arbeitet er mit Maschinen des Kapitalisten. Dadurch ist er von seinem Tun entfremdet. In der weiteren Geschichte der Arbeit wird es darum gehen, dass sich die Arbeitenden immer wieder lebendige Arbeit aneignen, die zur vergegenständlichten oder geronnen Arbeit im Produktionsprozess wird. Es ist der Kampf um Würde und Enteignung.


Der Arbeiter – eine neue Identität

Der Mensch ist vom Produktionsprozess und von seiner Ursprungsgemeinschaft getrennt. Trotz aller Arbeitsteilung ist der Mensch auf Kooperation angewiesen. Er ist ein Gemeinschaftswesen.
Im Feudalismus ist Identität ständisch. Ich bin Bauer, Gutsherr oder Fürst.  In der Industriegesellschaft erwerbe ich meine Identität über meine Arbeit. Ich bin Arbeiter.


Thesen

    ▪    Der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft ist ein Wandel von einer Gesellschaft der Knappheit zu einer Gesellschaft des Überflusses.
    ▪    Bis zur Erfindung der Uhr gelten natürliche Zeitzyklen zur Orientierung. Mit der Uhr wird Zeit messbar und linear.
    ▪    Der Mensch hat im Verlauf seiner Entwicklung Arbeitsmittel optimiert und dadurch seine Arbeit produktiver gemacht.
    ▪    In der ursprünglichen Gemeinschaft lebt der Mensch frei und selbstbestimmt. Herrschaftssysteme und Feudalismus rauben ihm Freiheit und Selbstbestimmung.
    ▪    Aus dem Leben mit der Natur ist ein Leben gegen die Natur geworden.  Diese Entwicklung bildet sich im zunehmendem Ressourcenverbrauch und Naturzerstörung ab.
    ▪    Die Energiegewinnung findet zunächst im Einklang mit der Natur über die Nutzung von Biomasse, natürlicher und tierischer Energie statt. Mit der beginnenden Industrialisierung werden durch die Verfeuerung von Holz und Kohle mehr Ressourcen verbrannt nachwachsen können.
    ▪    Arbeit ist zunächst Mittel. Erst durch die Verinnerlichung des Arbeitszwangs wird Arbeit zum Zweck.
    ▪    Arbeit ist zu Beginn der Industrialisierung würdelos.
    ▪    Die Identität des Menschen wird zunächst durch Zugehörigkeit und Tun bestimmt, dann über seien Stand im Feudalismus definiert, später über seine Tätigkeit in der Fabrik, als Arbeiter*in.


Literatur:

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Stand: 17.Mai 2021

mehr Infos?: info@guenter-schnelle.de

 

Die Geburt der Disziplinargesellschaft

Die Ideologie der Arbeit

Der Stellenwert und das Ansehen von Arbeit verändert sich von der Antike, über das Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Wird Arbeit in der Antike noch gering geschätzt, so nimmt die Anerkennung handwerklicher Berufe im Mittelalter zu. Mit der beginnenden Industrialisierung wird Arbeit immer mehr verherrlicht. Dieser kurvige Weg verläuft nicht ohne Zwangsmaßnahmen.
Sie setzen mit der Disziplinierung von Arbeitsunwilligen im 12. Jahrhundert ein. Der Arbeitszwangs soll verinnerlicht werden, um die Arbeitsmoral zu heben.
Nicht nur bei den Handwerkern erweist sich die Arbeitsmoral als steigerungsfähig, auch bei den Bauern lässt sie zu wünschen übrig.
Martin Luther empfiehlt dem Kurfürsten, die Bauern solle man „zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wie man einen tollen Hund totschlagen muss.“
Noch ist Arbeit Mittel zum Zweck, ein notwendiges Übel. Sich abzurackern, hilft absolut nicht weiter und ist sinnlos. Der Müßiggang ist trotz allem noch immer sehr beliebt. Ärger und Streit sind vorprogrammiert.
Johannes Calvin, hält vom Müßiggang überhaupt nichts: „Unsere Arbeit, unser Broterwerb ist Gottesdienst und heilig. Müßiggang und Prasserei sind es, die die Menschen verderben. Darum arbeitet fleißig und lebt bescheiden.“
Für Martin Luther ist die Arbeit Teil der menschlichen Natur: „Der Mensch ist zur Arbeit geboren, wie der Vogel zum Fliegen.“
Religiöse Disziplinierung und irdischer Arbeitszwang gehen Hand in Hand.

In England wird dem nachgeholfen durch Arbeitshäuser, die Zuchthäusern ähneln. Die protestantische Arbeitsethik ist das Leitbild der Disziplinar-gesellschaft.
Die bürgerliche Einstellung zur Arbeit basiert auf Tugenden wie Ordnung, Fleiß, Sparsamkeit und methodischer Lebensführung. Arbeit wird zum Selbstzweck des Lebens überhaupt. Die Arbeitsgesellschaft taucht aus den Nebelschwaden von Religiosität und Disziplinierungsmaßnahmen auf.

Um dem munteren Umherziehen von „Nichtarbeitenden“ Herr zu werden, werden Manufakturen an Internierungshäuser angegliedert.
Geld, Uhr und Maschinen schaffen keinen Mehrwert. Disziplinierte Lohnarbeiter*innen sind vonnöten, um das Räderwerk am Laufen zu halten. Die Fabrik wird zur Disziplinaranstalt nach militärischem Vorbild.

Neben Zwang und Disziplinierung wird Arbeit verherrlicht. Die Aufklärung befreit Arbeit vom göttlichen Prinzip und macht sie weltlich.  Nach Adorno und Horkheimer steht das Programm der Aufklärung für die Entzauberung der Welt.
Hannah Arendt schlägt in „Vita activa – vom tätigen Leben“ vor, zwischen Arbeit und Werk zu unterscheiden, wobei sich Werk auf das unmittelbare Tun, das Werken, bezieht und Arbeit auf das zu verrichtende Handeln. Sie unterschiedet zwischen Gestaltung des Werks und dem Prozess der Arbeit.
Morus lobt in seiner „Utopia“ die Handwerkskunst, wobei es auch möglich ist, mehrere Handwerke bedienen zu können. Jeglicher Verherrlichung Arbeit hält der Bohème des 18. Jahrhunderts entgegen, dass Arbeit Mist sei.

Kant sieht als Ziel der Aufklärung, den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu führen. Locke und Rousseau erheben Arbeit zum natürlichen Rechtsgegenstand legitimen Eigentums.
In der Aufklärung wird das autonome und unteilbare Individuum geboren.
Aufklärung, Mündigkeit und Freiheit stehen im Zusammenhang.
Mit der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft gewinnt das Subjekt als Person, als Bürger in der bürgerlichen Gesellschaft und als Mensch in Zusammenhang von Bedürfnissen an Bedeutung. Gleichheit und Freiheit ziehen als wichtige Bestandteile der bürgerlichen Gesellschaft ins Leben ein.

Die Industrialisierung und mit ihr die industrielle Arbeit ihren Lauf. Z.B. verdreifacht sich zwischen 1848 und 1864 die Zahl der im Steinkohle-bergbau tätigen Menschen. Auch in der Eisen- und Stahlindustrie nimmt die Zahl der Beschäftigten zu. Die Industrialisierung läuft auf Hochtouren.
Zugehörigkeit und sozialer Status werden über Einkommen und Arbeitsplatz definiert. Arbeit gilt als Voraussetzung für Wohlstand. Erwerbsarbeit soll Normalzustand in der Erwerbsgesellschaft sein.


Widerstände und Aufstände

Die in den 1790 Jahren beginnende Politisierung wird in den 1810er und 1820 Jahren durch harte Repressionsmaßnahmen meist rückgängig gemacht, ebenso die erkämpfte Meinungsfreiheit. Während Vorläufer des Parlamentarismus in Süddeutschland sichtbar werden, herrscht in Preußen der Obrigkeitssaat.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sehen englische Textilarbeiter, die Luddits, durch Maschinen ihre Arbeitsplätze bedroht. Sie zerstören die Maschinen. Diese Angriffe der Textilarbeiter, Luddismus genannt, geht in die Geschichte als Maschinensturm ein. Diese Textilarbeiter arbeiten in Heimarbeit. Heimarbeit bedeutet, im eigenen Haus zu arbeiten ohne im Besitz der Produktionsmittel zu sein. In der Heimarbeit gehören die Maschinen meist dem Verleger. Die Textilarbeiter sind weit entfernt von kollektiver Organisation. Die Zerstörung der Maschinen ist weniger ein Aufstand gegen neue Technik als Widerstand gegen die Verleger. Es handelt sich um eine spezifische Form des Arbeitskampfes. Inhalte des Konflikts sind wie bei späteren gewerkschaftlichen Streiks z.B. Lohnhöhe und Qualität der Arbeit.

Auch wenn mit der industriellen Produktion, dem Übergang von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft, nach knapp zweitausend Jahren die Herrschaft von Feudalherrn und kirchlicher Obrigkeit endet, lebt noch immer der größere Teil der Bevölkerung sorgenvoll.
1844 machen es die schlesischen Weber ihren englischen Kollegen nach. Sie sehen sich chancenlos in der Konkurrenz zu dampfgetriebenen Webstühlen. Viele von ihnen sind verarmt und hungern. Die Revolution 1848 / 1849  ist die Folge der Auseinandersetzung um Verarmung und Armut ohne Fabrikarbeit zu benennen.
Nach einer kurzen Verschnaufpause, in der die demokratischen Kräfte frische Luft schnappen, verabschiedet die Deutsche Verfassungsgebende Nationalversammlung 1848 in der Paulskirche einen Hauptentwurf einer Gewerbeordnung und einen Minderheitenentwurf, der die Gründung von Fabrikausschüssen mit bestimmten Rechten vorsieht.
Diese spätere Forderung nach Fabrikräten ist der erste Schritt zur Institution der Betriebsräte und soll die Herrschaft des Unternehmers einschränken. Dies wird erst der Fall, wenn genügend Arbeiter in den Fabriken schuften und sich zu kollektiven Organisationen wie Gewerk-schaften zusammenschließen.


Die Fabrik als Disziplinaranstalt
    
Die demokratisch-freiheitliche Bewegung wird niedergeschlagen. Die preußische Autokratie behält die Oberhand. Fabrikarbeiter sind alles andere als in der Gesellschaft integriert. Ihr meist niedriges Qualifikationsniveau trägt zur Disziplinierung mit bei. Arbeitskräfte sind in der entstehenden Textilindustrie austauschbar.
Um 1860 ähneln die Fabriken häufig noch immer geschlossenen Anstalten, die der Disziplinierung und der Verinnerlichung des Arbeitszwangs dienen.
Der Philosoph Bentham entwirft ein Panoptikum, eine Disziplinaranstalt höchster Perfektion. Die Benthamsche Fabrik ist die der totalen Kontrolle. Im kreisförmige angeordneten Panoptikum von Bentham, in dem jeder Insasse jederzeit zu sehen ist, ist das Grundmuster totalitäre Kontrolle. Die private Regierung, so die US-amerikanische Philosophin Anderson, in den Fabriken akzeptiert keine persönliche oder private Sphäre der Autonomie, die sanktionsfrei wäre. Sicherheit sowie Rede- und Meinungsfreiheit sind eingeschränkt.

Immerhin verringern sich die schlimmsten Auswüchse der Kinderarbeit. Frauen werden zunächst als industrielle Reservearmee genutzt und ab Mitte der 19. Jahrhunderts aus der großen Industrie verdrängt. Ihre Arbeit soll hauptsächlich unbezahlte Hausarbeit sein. Erst als die Nachfrage nach Arbeitskräften wieder steigt, sind sie für geringere Entlohnung als ihre männlichen Kollegen willkommen.


Private Regierungen
    
Der Arbeitszwang lässt sich in der Großindustrie mit dem Herrschafts-prinzip „Ich bin der Herr im Haus“ aufrechterhalten. So sehr sich Kapitalisten und Fabrikanten auch mühen, die Fabrikarbeiter gewinnen an Einfluss. Sie kämpfen für ihre politischen Rechte und ihre soziale Sicherheit. Die steigende Zahl von Fabrikarbeitern mit zunehmender Gewerkschaftsstärke führt zu Sozialreformen.
Diese sollen den Einfluss der Arbeiter zu begrenzen und Herrschafts-verhältnisse aufrecht erhalten.

Was bis heute zählt, ist die Gewerbeordnung von 1891, die ein Rechts-institut für den geschützten Eigentumsbereich ist. Sie definiert das Verhältnis der Rechtmäßigkeit mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch, das den Eigentümer des Betriebs zur Fürsorge verpflichtet. Die US-amerikanische Philosophin Anderson spricht von einer Privaten Regierung, die eine rechenschaftspflichtige Herrschaft ausübt und die meisten Beschäftigten in die Lage einer `unterwürfiger Abhängigkeit´ versetzt.

Die Private Regierung zieht ihre Legitimation aus der Einheit von privatem Eigentum, Haftung und Risiko. Sie ist für die wirtschaftlichen Existenz des Unternehmens und seiner Leitung verantwortlich.
    
Doch so sehr sich Kapitalisten und Fabrikanten auch mühen, die Fabrikarbeiter gewinnen an Einfluss. Sie kämpfen für ihre politischen Rechte und ihre soziale Sicherheit. Die steigende Zahl von Fabrikarbeitern mit zunehmender Gewerkschaftsstärke führt zu Sozialreformen.
Diese sollen den Einfluss der Arbeiter zu begrenzen.
Zwischen 1848 und 1864 verdreifacht sich die Zahl der im Steinkohlebergbau tätigen Menschen. Auch in der Eisen- und Stahlindustrie nimmt die Zahl der Beschäftigten zu.


Die Disziplinargesellschaft in Deutschland

Lohnarbeit habe einen sozialpolitischen Nutzen für die Gesellschaft, wird den Arbeiter*innen eingebläut. Der Kapitalismus basiert auf Privat-eigentum. Er ist für diejenigen ausgelegt, die Privateigentum besitzen. Er ist nicht für Arbeitnehmer*innen gedacht, die wenig oder kein Eigenkapital besitzen und nur vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben. Arbeitnehmer*innen verfügen nicht über die Freiheitsgrade wie diejenigen, in deren Besitz Fabriken und Produktionsanlagen sind. Boltanski und Chiapello schreiben im „Der neue Geist des Kapitalismus“, dass nach dem Eigentumsrecht darüber die Privateigentümer entscheiden.
Auf dem Arbeitsmarkt ist kein Arbeitnehmer frei, sondern immer in Abhängigkeit von den zur Verfügung stehenden Stellen. Gesetze, Vorschriften, der Druck, Geld verdienen zu müssen und letztlich die Angst vor Arbeitslosigkeit nimmt Freiheit. Jahrhunderte der Entwürdigung und Disziplinierung schaffen den fleißigen, tugendhaften Knecht, der versehen ist mit einer Prise obrigkeitsstaatlicher Unterwürfigkeit. Die Militärdienstpflicht steuert das Ihrige dazu bei. Die unteren Klassen können so bestens integriert werden.


Streiks und Arbeiterbewegung in der Industriegesellschaft

Ab 1848 organisieren sich qualifizierte Handarbeiter Berufsverbänden.
Die Revolution von 1848 / 1849 zielt zudem auf Presse- und Redefrei-heiten sowie uneingeschränktes Versammlungsrecht und ist damit Vorläufer demokratischer Freiheiten.
Politisch fällt in diese Zeit die Niederschlagung der Revolution von 1848. Es folgt eine Ära der Reaktionäre, in der Anhänger einer liberalen, republikanischen, sozialistischen oder demokratischen Haltung verfolgt werden. Die Demokratie verliert für Jahrzehnte.
Die monarchistische, reaktionäre Regierungselite verzögert den Auf-schwung.
Erst nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870 / 71 wird die Kleinstaaterei überwunden.
Mit wachsender Industrialisierung wächst auch die Zahl der in Gewerkschaften organisierten Arbeiter*innen. Zwischen 1848 und 1864 verdreifacht sich die Zahl der im Steinkohlebergbau tätigen Menschen und damit die Anzahl der Menschen, die sich kollektiv organisieren können.
    
Streikbewegungen entstehen aus der Tradition der Gesellenvereine und durch das mühsam von den demokratischen und liberalen Bewegungen erkämpfte Recht auf Koalitionsbildung.
Ab 1860 flackern immer wieder Streiks auf und die Arbeiterbewegung gewinnt an Einfluss.
Um 1870 bilden sich Gewerkschaften, die sich nach Branchen und Berufen organisieren.
Streiks zielen nicht nur auf höhere Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen. Sie tragen auch dazu bei, dass Arbeit würdiger wird.


Sozialversicherung und Einhegung der Sozialdemokratie

Die Bismarckschen Sozialgesetzgebungen sind das Ergebnis der Bürokratie und entsteht gegen Stimmen der SPD. Unter Bismarck wird eine öffentlich-rechtliche Unfallversicherung initiiert, unter anderem auch um die Sozialdemokratie zu bändigen. Die steigende Zahl von Fabrikarbeitern mit zunehmender Gewerkschaftsstärke führt zu Sozialreformen. Die steigende Anzahl der Fabrikarbeiter und zunehmende Gewerkschaftsstärke soll somit neutralisiert werden.
    
Um die Sozialdemokratie und Arbeiterbewegung in den Griff zu bekommen, erlässt Bismarck von 1878 bis 1890 das Sozialistengesetz. Demokratisierung ist nicht willkommen. Die autoritäre Elite bezieht Stellung. Diese Frontstellung des demokratiefeindlichen Machtzentrums wird durch den 1. Weltkrieg unterbrochen lebt bis in die 1920 Jahre weiter. Es ist einer der Gründe für den Untergang der Weimarer Republik.
In den 1920 Jahren gibt es trotz Betriebsräten keinen Abschied vom betrieblichen Feudalismus. Es ist nicht gelungen, die Herrschaftsstruktur im Betrieb zu demokratisieren.


Der Beginn des Wohlfahrtsstaates

Mit Zunahme der Industrialisierung steigt auch die Urbanisierung. Die Städte wachsen. Wasserleitungen, sanitäre Vorrichtungen und verbesserte Hygiene sowie Fortschritte in der medizinischen Versorgung und gesteigerte Wohnqualität tragen zur Lebensqualität bei und führen zur sanitären Stadt.
Produktivitätsfortschritte drängen Hunger und Not zurück.
Arbeitsschutz, Regulierung der Arbeitszeit und ein ausreichendes Einkommen sorgen für eine erträgliche Arbeitswelt.
Die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts forcierte geschlechtliche Arbeitsteilung wird zementiert. Mit der Haushaltstechnologie wird die Hausfrau erfunden. Die Löhne der arbeitenden Männer erreichen eine Höhe, die ermöglicht, Haushaltstechnologie zu konsumieren.
    
Hausfrauen, so die Vorstellung, erfreuen sich an der Haushaltstechnologie, gehen der Hausarbeit entspannt nach und sorgen für ihre in die feindliche Arbeitswelt ziehenden Männer. Der Kapitalismus benötigt die geschlecht-liche Arbeitsteilung mit unbezahlter Substistenz- oder Reproduktions-arbeit, um existieren zu können.
Der im Büro oder in der arbeitsteiligen Fabrik schaffende Mann entdeckt in den 1970er Jahren Hobbykeller und Baumarkt, um sich von der Härte des Arbeitslebens zu erholen und sich seiner Identität als Mann zu vergewis-sern.


Lohnarbeit, Arbeiterbewegung und Gewerkschaften

Gewerkschaften entstehen, wenn Zünfte sich überlebt haben, Lohnarbeit vorhanden ist und die industrielle Produktionsmaschinerie nennenswert läuft. Ab 1890 organisieren sich Industriearbeiter*innen in Gewerk-schaften und Angestellte und Beamte in Angestellten- / Beamten-verbänden. In demselben Jahr wird das bis dahin restriktive Streikrecht liberalisiert. 1891 wurde die Novelle zur Gewerbeordnung für das Deutsche Reich erlassen.
Diese Gewerbeordnung ist das erste so genannte Arbeitsschutzgesetz. Sie stellt die Errichtung von Arbeiterausschüssen in das Ermessen der Arbeitgeber.


Unternehmerische Freiheit und Arbeiterausschüsse

Eingriffe in die unternehmerische Freiheit werden von Bismarck abgelehnt. Es gelten liberale Prinzipen. Nicht alle Fabrikbesitzer beharren auf dem Prinzip „Ich bin Herr im Haus.“ In der Jalousie- und Holzpflasterfabrik Heinrich Freeses wird 1884 ein Arbeiterausschuss eingerichtet. Diese hat positive Folgen für die Konfliktbewältigung in Freeses Fabrik. Der Fabrikant kann in sozialen Angelegenheiten von den Arbeitervertretern überstimmt werden. Freese führt den Aufschwung seiner Fabrik auf das fast völlige Fehlen von Störungen zurück und auf hohe Arbeitszufriedenheit. Der Fabrikant Freese ist eher die Ausnahme. Die meisten Arbeiterausschüsse genossen kein Ansehen. Nichts desto trotz ist die freiwillige Praxis Freeses ein Wegweiser auf dem Pfad zur Betriebsverfassung.
    

Umweltprobleme

Die Verbrennung fossiler Rohstoffe bringt dem „freien Westen“ einen doppelten Vorsprung: diese Region bläst sei der I. Industriellen Revolution mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre als jede andere Region. Durch diese angeheizte Produktion gewinnt er den zweiten Vorsprung, der in der Produktivität liegt.
Solange die wachsenden Städte nicht sanitär abgesichert sind, stellen sie einen Gefahrenherd für die Bevölkerung dar.


Identität und Arbeiterbewegung
    
Ich habe darauf hingewiesen, dass sich Identität in der Allmende im Zusammenspiel von Nähe und Distanz in der Gemeinschaft herausbildet. Identitäten haben sich in rauher Frühzeit in Gemeinschaften in der Rangelei zwischen dem Ich, dem Du und dem Wir herausgebildet. Frühe  Differenzierung von Identitäten zeigen sich im Tun und Handeln. Aus dem individuellen Bearbeiten von Gemeinschaftsbesitz wird privates Eigentum. Es wird zum individuellen Werk. Arbeit macht den Unterschied zwischen Gemeingut und Eigentum aus.

Im Feudalismus zählen Standes- und Berufsidentitäten. Handwerker kennzeichnen sich durch einen speziellen Handwerkerethos.

Mit der Aufklärung wird das handelnde Subjekt sichtbar. Der frühe Individualismus erblickt das Licht der Welt. Das Individuum ist seiner selbst zugehörig und erschafft durch diese Ich-Zugehörigkeit Identität. Die Journalistin Isolde Charim schreibt, es sei die Geburt des ersten Individualismus. Die erste Phase des Individualismus ist begleitet von der Bildung kollektiver Organisationen, die scheinbar nicht zum Individualismus passen und ihn dennoch prägen. Zugehörigkeit, Stolz, Berufs- und Arbeiteridentitäten sind zusammengefasst in dem Identitätsbegriff „Arbeiterklasse“.
Gewerkschaften sind die kollektive Organisationsform dieser Klasse. Der Zweck von Gewerkschaften ist, dass Beschäftigte gemeinsame Interessen erkennen, verhandeln und durchsetzen. Über Unternehmensmit-bestimmung, Tarifverträge und betriebliche Mitbestimmung müssen Unternehmen einen Teil ihres Machtzugriffs abgeben.


Thesen:

    ▪    Die Voraussetzung für die Industriegesellschaft sind Zwangsmaßnahmen, die aus Disziplinierungsmaßnahmen und ideologischer Einflussnahme bestehen.
    ▪    Das handelnde Subjekt ist ein Ergebnis der Aufklärung.
    ▪    Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung sind weitere Folgen der Aufklärung.
    ▪    Der demokratische Staat kämpft über viele Jahrzehnte vergeblich gegen das reaktionäre Bürgertum und endet im I. Weltkrieg.
    ▪    Die Arbeiterbewegung und die daraus entstehenden Gewerkschaften bilden ein wachsendes Korrektiv.
    ▪    Der auf Privateigentum basierende Kapitalismus möchte über Arbeitnehmer*innen genau so verfügen wie über Produktionsmittel.
    ▪    Unternehmensmitbestimmung, betriebliche Mitbestimmung und Tarifvereinbarungen schränken betriebliche Machtasymmetrie ein.
    ▪    Die Industrialisierung schafft dem Westen einen doppelten Vorsprung in der Umweltverschmutzung und Produktivkräfte.
    ▪    Mit dem handelnden Subjekt und der Arbeiterbewegung wird der erste Individualismus in Form der Identität der Arbeiterklasse sichtbar.
  

Literatur

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Boltanski, Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, 2003
Brückner, Zur Sozialpsychologie des Kapitalismus, 1981
Charim, Ich und die Anderen, 2019
Coy, Industrieroboter, 1983
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Stamm, Ursprünge der Wirtschaftsgesellschaft, 1982,
Trentmann, Herrschaft der Dinge, 2016
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Verheyen, Die Erfindung der Leistung, 2018
Wassermann, Betriebsräte, 2002
Weber, Die protestantische Ethik, 2017

Stand: 17.Mai 2021

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