Leben in der Erwerbsgesellschaft

Die Erwerbsgesellschaft

Die Erwerbsgesellschaft folgt der Disziplinargesellschaft. Sie basiert auf Erwerbstätigkeit oder Lohnarbeit. Ihre Basis ist der*die Fabrikarbeiter*in. Mit wachsender Industrialisierung wird daraus der*die Massenarbeiter*in, um sich schließlich in Facharbeiter*innen zu verwandeln.


Massenproduktion und Massenkonsum

Volkswagen entwickelt in den 1950er Jahre ein Konzept, das bis in die 1960er Jahre gültig bleiben soll und sich zunächst auf ein Modell konzentriert – den VW Käfer. Vorbild ist die Fließbandproduktion des Ford-T Modells.
Anders als in den USA üblich, kooperiert VW eng mit der IG Metall. Mitte der 1950er Jahre wird die Produktion für den VW-Käfer automatisiert. Die Arbeitskosten werden so gesenkt und der Käfer wird zu einem Jedermanns Fahrzeug.
Noch liegen niedrige Löhne unter der Produktivität, so dass die Inflation in Westdeutschland geringer ist als in den meisten Nachbarländern. Ohne niedrige Löhne ist ein Export-überschuss nicht möglich.
Erst als die Löhne und Gehälter eine entsprechende Höhe erreicht haben, ist der Massenkonsum möglich und damit der Kauf eines Jedermanns Auto. Ein angemessener Lohn ist die Voraussetzung für Wohlstand im liberalen Kapitalismus, ob demokratisch oder autoritär. Der Konsum wird zu einem wichtigen Integrationsfaktor der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Konsumorientierung, mehr Freiheit und endlich steigende Löhne sollen Arbeiterklasse, Einkommensunterschiede und Bildungsdifferenzieren in der Mitte der 1950er Jahre vergessen machen. Die nivellierende Mittelstandsgesellschaft wird ausgerufen. Die so formierte Gesellschaft lässt keine parlamentarische Alternativen zu.

In den 1960er und 1970 Jahren werden als „Gastarbeiter“ bezeichnete Arbeitsemigranten als billige Arbeitskräfte genutzt. Ihr Dasein soll vorübergehend sein, denn Gastarbeiter*innen stellen nur die Qualifikationsanforderungen einfacher Arbeit in der industriellen Massenproduktion sicher. Solange billige Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, braucht sich die deutsche Wirtschaft technologisch nicht anzupassen. Japanische und US-amerikanische Industrie erzielt in den 1970er und 1980er Jahrenn Produktivitäötsvorsprünge.
Die auf Konsum ausgerichtete Disziplinargesellschaft zerstört gewachsene soziale Netze und bekannte Lebenswelten. Der Sozial- und Wohlfahrtsstaat wird benötigt, um den Rahmen für Massenkonsum und -produktion zu gewährleisten. In der Disziplinargesellschaft wird in der „sozialdemokratischen Nachkriegsepoche“ die individualisierte Massengesellschaft  durch Massenproduktion und Massenkonsum beteiligt. Über den Massenkonsum werden die Menschen an die Produkte gebunden.

Die Sozialdemokratie hat mit dem Godesberger Programm und noch mehr mit Finanz- und Wirtschaftsminister Schiller einen wirtschaftsliberalen Weg eingeschlagen. Schiller setzt auf völlige Dispositionsfreiheit der Marktteilnehmenden, eine möglichst hohe Anzahl Konkurrenten, einen transparenten Markt und auf rationales Verhalten der Marktteilenehmenden.


Individuelle Mobilität als Zeichen der Partikularisierung

Das Auto wird in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Symbol für Wohlstand und Aufstieg. Warenhäuser bieten Kleidung, Haushaltswaren und Massenartikel aller Art an. Der Massenkonsum ist eine wesentliche Klammer bis in die achtziger Jahre hinein. Er funktioniert, weil Reallöhne mindestens ebenso schnell steigen wie die Produktivität. Der Massenmarkt wächst. Konsum dient als Klammer und Legitimation des Wirtschaftssystems.
Das große Freiheitsversprechen ist Mobilität, zunächst mit dem Automobil, wenig später mit dem Flugzeug. Das Automobil ist das Versprechen an die Gesellschaft, Individualität und persönlicher Unabhängigkeit ausleben zu können: „Freie Fahrt für freie Bürger.“
    
Der Massenmarkt versorgt weite Teile der Bevölkerung mit Konsumgütern aller Art. Er verdrängt nach und nach die kleinen Läden mit Ladentheke. Der Verkäufermarkt („Tante Emma“-Laden) wird durch Supermärkte und Großmärkte auf der grünen Wiese verdrängt. Mit den Super- und Großmärkten wird der Verkäufermarkt zum Käufermarkt. Der entstehende Markt ist ein Massenmarkt und ungesättigter Verbrauchermarkt. Dessen Sättigung führt zu immer neuen Produkten und Angeboten, um die Sättigung zu überdecken. Die Phase der Übersättigung beginnt. Es soll der Eindruck erweckt werden, dass innovative Produkte entwickelt werden, die jederzeit durch noch innovativere Produkte ausgetauscht und ersetzt werden können.
    
In den 1960er Jahren sind Märkte übersättigt, die Haushalte rundherum mit den neuesten Haushaltsgeräten zur Zementierung der geschlechtlichen Arbeitsteilung ausgestattet, die Fernsehgeräte gleichmäßig über die Republik verteilt und die Autos parken fahrbereit vor den Häusern.
Individualmärkte zeichnen sich am Horizont ab. Waren werden auf spezifische Konsumentengruppen zugeschnitten. Die Ware wird zur voneinander abzugrenzenden Marke. Im Blickfeld stehen die wohlhabenderen Bevölkerungsschichten. Der postmoderne Konsument wird ausgerufen. Im Konsum wird soziale Differenzierung deutlich. Der Konsum und nicht die Zugehörigkeit zu einer Klasse macht den Unterschied aus.


Die Wohlstandsklammer wird brüchig

Der Massenkonsum als Klammer stößt an seine Grenzen als 1967 die Wirtschaftskrise ausbricht. Die Krise wird schnell überwunden. Ab 1968 beschleunigt sich die Steigerung der Lohnquote. Um die Lohnkosten wieder einzufangen, erhöhen etliche Unternehmen ihre Preise. Die Inflation steigt, die Lohnsteigerungen sind entwertet. Wilde Streiks sind die Antwort.
In den 1970erJahren wird die sozialdemokratische Phase des deutschen Keynesianismus beendet. Bis dahin wird der sozialdemokratisch geprägte Sozialstaat ausgebaut.
Ende 1973 erhöht sich der Ölpreis dramatisch. 1974 bricht die zweite offene Rezession der Nachkriegszeit aus. 1975 beträgt die Zahl der Erwerbslosen im Jahresdurchschnitt über 1 Million. Spätestens jetzt ist der Traum vom langen Aufschwung ausgeträumt. Nahostkrieg und Ölpreisexplosion setzen dem unbegrenzt wachsendem Massenkonsum eine Grenze. Die Textilindustrie gerät endgültig ins Straucheln, Bergbau und Stahlindustrie verlieren an Bedeutung.

Ideologisch ist die „Soziale Marktwirtschaft“ die Klammer, die die Gesellschaft mit Wohlstands- und Wachstumsversprechen zusammen halten will. Sie soll für den Ausgleich zwischen Sozialstaat und Marktliberalität sorgen. Es wird deutlich, wie wenig sozial die soziale Marktwirtschaft ist. Der Gesellschafts- und Generationenvertrag der Bundesrepublik scheint auf brüchigen Säulen zu stehen.


Aufstieg durch Bildung: das große Versprechen

Aus dem Lohnarbeiter der frühen Industrialisierung ist der industrielle Facharbeiter in der Massenproduktion geworden. Mit dem Facharbeiter verbunden ist das Versprechen des Aufstiegs durch Bildung. In den siebziger Jahren wird das Versprechen gegeben „Aufstieg durch Bildung“. Arbeiterkinder sollen teilhaben am Wachstum. Wissen und Bildung bieten Aufstiegs- und Wachstumschancen. Die materiellen Lebensbedingungen vieler Menschen verbessern sich, immer mehr Menschen können höhere Bildung wahrnehmen und gezielt Berufslaufbahnen anstreben. Sie gewinnen als Wähler und Konsumenten an Bedeutung. Das duale System bildet die Grundlage. Noch hält der Nachkriegskonsens, auch wenn er hier und da brüchig wird.


Das zerbrochene Aufstiegsversprechen

In den Jahren 1974 bis 1982 gibt es unter SPD Kanzler Schmidt erste Einschnitte im sozialen Netz. Der Gürtel muss enger geschnallt werden. Das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967 hat erhebliche Schieflage. Es ist zu einem Inflationsbekämpfungsgesetz mutiert. Die soziale Marktwirtschaft mit Sozial- und Tarifpartnerschaft und dem so genannten „Magischen Viereck“ der Wirtschaftspolitik (Vollbeschäftigung – außenwirtschaftliches Gleichgewicht – angemessenes Wirtschaftswachstum – stabiles Preisniveau) trifft auf den immer liberaler werdenden Weltmarkt angelsächsischer Prägung.

Anfang der achtziger Jahre kriselt die Industrie. Das Wirtschaftswachstum wächst im Schneckentempo. Eine beträchtliche Anzahl der Mitarbeiter mit geringem Qualifikationsniveau wird freigesetzt. Die Arbeitslosigkeit steigt. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen nimmt dramatisch zu. Ältere Arbeitnehmer*innen werden in den Vorruhestand geschickt. Der Wettbewerb favorisiert olympiareife Belegschaften mit jungen, dynamischen Mitarbeitern*innen.
Die Fahrzeugindustrie weist Überkapazitäten aus. Die nachlassende Produktivität der Leitindustrie Automobilbau mit ihren Zulieferern und daraus resultierenden Dienstleistungen wird nicht wahrgenommen. Auch nicht, als in den 1980er Jahren in der Automobilindustrie vermehrt Überkapazitäten auftreten, die häufig zu Personalabbau mit Vorruhestandslösungen und Erwerbslosigkeit führen. Nicht nur die nachlassende Produktivität des Fahrzeugbaus drückt auf das Wachstum, auch Diskussionen um Klimaschutz, Umweltschutz und saurer Regen belasten die Branche.

Am 1.10.1982 ist die Ära Schmidt vorbei. Mit einem Misstrauensvotum entzieht ihm die Mehrheit des Bundestags das Vertrauen. Kohl wird Bundeskanzler und führt eine schwarzgelbe Regierung. In den 1980 er Jahren erscheint das Lambsdorff-Memorandum, ein rein marktorientiertes Konzept, das zum marktwirtschaftlichen Handeln aufruft.
1982 erscheinen zehn Thesen des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht im Auftrag von Bundeskanzler Kohl. Kündigungs- und Arbeitsschutz sollen ebenso wie Sozialleitungen abgebaut werden und die Flexibilisierung getrieben werden.
2002 wird durch das Gesetz für moderne Dienstleistungen mehr Leiharbeit möglich. Auch die geringfügige Beschäftigung wird ausgeweitet. Schließlich werden mit dem Arbeitsmarktreformgesetz von 2003 die Bestimmungen des BFG von 1996 wieder aktiviert.
    
    
Die Rolltreppe steht
    
Auf der einen Seite werden hochqualifizierte Beschäftigte anerkannt, auf der anderen Seite werden Beschäftigte in Care-Berufen, personennahen Dienstleistungen oder einfachen Dienstleistungen kaum oder gar nicht anerkannt. Wer sich erfolgreich selbstverwirklicht, erfährt Lob und Wertschätzung, während soziale Deklassierung für die prekär Beschäftigten eine bittere Erfahrung ist. So wird ersichtlich, dass es bestimmte Lebensformen und -entwürfe gibt, denen ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen, während die sozial Deklassierten wenig bis gar keine Ressourcen zur Verfügung haben. Gleichberechtigung unterschiedlicher Kulturen und Milieus ist nicht vorhanden. Können die einen ihren Status kontinuierlich sichern und erweitern, verliert er bei den Anderen an Bedeutung. Aufstieg ist blockiert. Die Rolltreppe fährt nicht mehr, der Fahrstuhl ist gesperrt. Man muss sich halt durchkämpfen, insbesondere dann, wenn Krankheit, Schulprobleme, Schulden, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit oder kriselnde Partnerschaften auf der Agenda stehen.


Die beschleunigte Disziplinargesellschaft

Das Schlagen der Uhr ist das Signal, das die Arbeit beginnt und das die Arbeit endet. Die Kirchturmuhr sorgt für eine objektive Zeit und setzt der subjektiven Zeit ein Ende. Nun sind die Schlaguhren nicht synchronisiert, zur Folge hat, dass sich die Arbeitenden aussuchen können, welchem Glockenschlag sie folgen. Bislang gehört die Zeit Gott und ist eingebettet in die natürlichen Kreisläufe. Die Natur gehört niemandem.
Das Tempo wird von esel- oder pferdgezogenen Karren auf unbefestigten Wegen bestimmt. Ein überregionaler Handel im größeren Maßstab ist kaum möglich.

Die Kutsche mit einem Achtergespann jagt über holprige Feldwege, die Eisenbahn schnauft Hügel hoch und durchquert Landschaften, die zu Schattenrissen werden und aus dem Flugzeug sind großflächige Landschaften oder Räume zu sehen, die durch das hohe Tempo gleichzeitig unwirklich werden.
Das Kommunikationstempo nimmt dramatisch zu. Telegraf und Telefon machen schließlich Kommunikation in Echtzeit möglich.
Auch der Warentransport beschleunigt sich mit Eisenbahn und Dampfschifffahrt. Mit der Elektrizität gelang es, die Geschwindigkeit der Informationsübertragung von der Reisegeschwindigkeit zu entkoppeln.

Mit dem Auto, dem Flugzeug und den Dampf getriebenen Schiffen werden die Räume und Regionen immer kleiner. Düsenflugzeuge, elektrisch angetriebene Eisenbahnen und Individualverkehr verkleinern den Raum weiter.

In der dynamisierten Gesellschaft schrumpft der Naturraum, der Verkehrsraum wird größer. Mit steigender Geschwindigkeit der Eisenbahn verliert die Größe des Raums an Bedeutung. Die Landschaft wird dem Vergessen übergeben.
Neben Arbeitskräften und Handelsgütern wird auch Kapital exportiert. So werden immer neue Regionen für den Welthandel zu erschlossen. Verlässliche Handelslinien, zuverlässige Eisenbahnstrecken und erste Straßen sorgten für eine funktionierende Infrastruktur machen diesen frühen globalen Handel möglich.

Arbeitszeit wird von Sinn befreit und Bestandteil der Betriebsdisziplin:
Die Uhr legt den Beginn und das Ende der Arbeitszeit fest. Die Uhr ist das mechanische Disziplinierungsinstrument der Industriegesellschaft.
Eine arbeitsteilige Industrieproduktion benötigt Zeitsynchronisation und verlässlich die Anwesenheit von Frühaufstehern und Morgenmuffel. Arbeitsdisziplin ist Zeitdisziplin.


Tempo, Technik und Faschismus

Marinetti feiert in seinem „Manifest des Futurismus“ Geschwindigkeit und Beschleunigung. Er hebt die Technik über allem und bringt sie in Zusammenhang mit der „Schönheit der Geschwindigkeit“, der Kriegsverherrlichung und ist gekennzeichnet durch Aggressivität und Zerstörungswahn.
Das „Zweite futuristische Manifest von 1910“ propagiert Geschwindigkeit als Grundlage einer neuen Religion an. „Geschwindigkeit ist rein“, „aggressiv und kriegerisch“.
Fromm nennt die Sprache „nekrophil“ und weist auf darauf hin, dass die Vergötterung der Technik mit destruktiven Zielen ein Kennzeichen des Nazismus ist mit erheblicher Nähe zu Hitler und Mussolini.  
Der Faschismus steht für die Verbindung von Schnelligkeit und Gewalt (Blitzkrieg).
Schnelligkeit wird als Fortschritt angesehen. Langsamkeit steht für Zurückbleiben. Die Ästhetik der Geschwindigkeit wird in dieser Epoche skizziert.

Die Technik spielt in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft eine herausragende Rolle. Um sie und die durch sie vermittelte Rationalität gewinnt die Gesellschaft neuen Glauben. Das Unmögliche möglich machen. Die Welt ausbeuten. Atomtechnik ist die Verheißung. Technik liefert aber auch neue Kontrollmöglichkeiten und Möglichkeiten, Herrschaft auszuüben.


Ökologie in der Erwerbsgesellschaft

Umweltzerstörung und Energieverschwendung führen zu einer Erhöhung der Entropie und einer Verringerung verfügbarer Ressourcen. Durch Einzelinteressen im Gesundheitswesen werden die Kosten nach oben getrieben. Boden, Wasser und Luft werden nicht als Gemeingüter behandelt, sondern als verfügbare fiktive Ware.

Der Soziologe Ulrich Beck stellt in seinem Buch „Gegengifte“ fest, dass die Umweltzerstörungen trotz einer aktiven Umweltpolitik über 15 Jahre bestenfalls verlangsamt, keinesfalls aber aufgehalten werden konnte.
Mit der Aufklärung beginnt der Siegeszug der Technologiegläubigkeit und seine Umsetzung durch geeignete Technik. Die Technikgläubigkeit favorisiert in den 1950er Jahren die Atomkraft und vernachlässigt Fragen des atomaren Endlagers. Nach der Kernschmelze im damaligen sowjetischen Atomreaktor bei Tschernobyl und später nach dem Unfall in Fukushima verliert die Atomkraft an Zustimmung.

Am Beispiel der Mobilität wird deutlich, dass es nicht nur um Bewegungsfreiheit geht, sondern auch um Klimazerstörung durch Treibhausgase, Flächenverbrauch durch Straßen und Unfallgefahren mit Gesundheitsrisiken. Individuelle Mobilität ist abhängig von finanziellen und infrastrukturellen Ressourcen, so dass durch Mobilität soziale Ungleichheit gesteigert wird.
Wer an viel befahrenen Straßen lebt und wohnt, z.B. Bundesstraßen und Ausfallstraßen leben und schwächere Verkehrsteilnehmer, wie z.B. Ältere, Kinder oder Fahrradfahrer*innen, wird von Lärm, Abgasen und Feinstaub bedroht.

Die industrielle Revolution knüpft „erfolgreich“ an frühere Epochen der Umweltverschmutzung an und potenziert diese. Industrie, Verkehr, Landwirtschaft und private Haushalte bzw. Kommunen sind die Haupttreiber. Als wesentliche Umweltverschmutzer gelten Stoffe wie Kohlendioxid, Methan, Schwefeldioxid oder Staub. Auch Schwer-metalle werden weiträumig in der Luft verteilt. Chemische Substanzen wie das bei der Verbrennung von Kohlenwasserstoffen entstehende hoch toxische Dioxin vergiften die Umwelt und Mensch. Seit 1980 wird der Schwefeldioxidgehalt in der Luft zu verringert und seit den 1990er Jahren werden ozonabbauende Substanzen wie Flurkohlenwasserstoffe verboten. Die Reduzierung der Treibhausgase Kohlendioxyd und Methan soll in den kommenden Jahrzehnten erfolgen.
Bei der Feldwirtschaft und Nutztierhaltung werden chemische Hilfsmittel wie z.B. Dünger eingesetzt, um den Ertrag bei begrenzten Flächen zu erhöhen. Durch die Düngung erfolgt ein Stoffkreislauf, der z.B. zur Überdüngung und anschließend zu zu hohem Nitratgehalt im Boden führt.
In der Landwirtschaft werden Ammoniak, Methan und Lachgas freigesetzt. Während in den Industrieländern das Ertragsmaximum erreicht ist, muss in anderen Regionen z.B. Afrika und Asien mit ansteigendem Düngemittelverbrauch gerechnet werden. Der Flächenverbrauch steigt mit der Bevölkerungszunahme.
Die Klimakatastrophe zeigt sich in den viel zu hohen Emissionen der Treibhausgase, deren größter Treiber Kohlendioxyd ist. „Es ist notwendig, dass Weltbevölkerung, Ressourcenverbrauch und Verschmutzung in ein stationäres Gleichgewicht gelangen (Nullwachstum). Darin besteht in Zukunft die Aufgabe der Politik, auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse eine menschliche Entwicklung zu garantieren.


Identität

Die Identität verändert sich in der Erwerbsgesellschaft. Sie wird pluralisiert und begrenzt in dieser Phase Identität. Pluralisierung heißt Differenzierung. Unterschiedliche Lebensformen und -konzepte werden deutlich. Gleichzeitig soll Individualität unterschieden werden von allen anderen Individualitäten. Authenzität und Differenz kennzeichnen die Individualitäten. Identität wird mehr noch als in der Phase der ersten Individualisierung nach außen getragen. Durch Kleidung, Haarschnitt, Habitus, Musik und andere Bereiche der Kultur wird Individualität ausgedrückt. Neben der Kleinfamilie leben Singles, Wohngemeinschaften, Patchworkfamilien und Alleinerziehende. Die geschlechtliche Arbeitsteilung wird in Frage gestellt. Entlohnte Frauenarbeit ist ein Schritt Emanzipation.

Thesen:

    ▪    Das Leben in der Erwerbsgesellschaft wird maßgeblich von der Teilnahme am Massenkonsum bestimmt.
    ▪    Wer konsumiert, gehört dazu.
    ▪    Das Aufstiegsversprechen legitimiert den liberalen Kapitalismus.
    ▪    In der Erwerbsgesellschaft beschleunigen sich das gesellschaftliche
    ▪    Tempo und Arbeitstempo.
    ▪    Mit der Geschwindigkeit sieht der Glaube an technisch bedingte Lösungen.
    ▪    Schnelligkeit und Technik stehen für Fortschritt.
    ▪    Für den Faschismus drücken Technikeuphorismus, Geschwindigkeit und Schnelligkeit die eigene Aggressivität aus.
    ▪    Die zweite Individualisierung zeigt sich als Differenzierung und Vielfalt.
    ▪    Treibhausgase, chemische Substanzen und Umweltbelastungen aus der Landwirtschaft führen mit anderen Emissionen zur Klimakatastrophe.


Literatur:

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Bischoff, Lieber, Die große Transformation, 2013
Bontrup, Krisenkapitalismus und EU-Verfall, 2016
Borscheid, Zeit und Raum in Spree (Hrsg.), Geschichte der deutschen Wirtschaft, 2001
Brückner, Freiheit, Gleichheit, Sicherheit, 1983
Charim, Ich und die Anderen, 2019
Ehmer, Meißl, Der dressierte Mensch, in Sauer (Hgb.), Der dressierte Arbeiter, 1984
Fourastié, Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts – die Lebensweise in Aßländer, Wagner (Hgb.), Philosophie der Arbeit, 2017
Fromm, Anatomie der menschlichen Destruktivität, 1974
Gasteiger, Der Konsument, 2010
Geißler, Vom Tempo der Welt, 2000
Graeber, Bürokratie, 2016
Hack, Hack, Kritische Massen in Technik und Gesellschaft, Jahrbuch 3, 1985
Händeler, Die Geschichte der Zukunft, 2009
Hermann, Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung, 2016
Hirsch, Roth, Das neue Gesicht des Kapitalismus, 1986
Hohn, Die Zerstörung der Zeit, 198
Kesselring, Vogl, Betriebliche Mobilitätsregime, 2010
Kern, Schumann, das Ende der Arbeitsteilung, 1984
Kern, Schumann, Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein, 1985
Kuhn, Vorsicht Zukunft, SZ vom 28.05.2016
Marcuse, Der eindimensionale Mensch, 1972
Marx, Engels, Das Kapital Bd. I, 1970
Möller, Luftverschmutzung durch Industrie, Landwirtschaft und Haushalte
30.09.2009  www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/dossier-umwelt/61246/luftverschmutzung
Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft, 2016
Plumpe, Wirtschaftskrisen, 2017
Priore, Sabel, Das Ende der Massenproduktion,  1985
Schivelbusch, Die Geschichte der Eisenbahn, 1977
Spiegel online, Griechenland verkauft Hafen von Priäus, www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-verkauft-hafen-piraeus-an-chinesische-reederei-a-1086152.html, letzter Aufrufs 11.05.2021
Sachs, Energie als Weltbild in Technik und Gesellschaft, Jahrbuch 3, 1985
Staab, Falsche Versprechen, 2016
Syska, Lievre, Illusion 4.0, 2016
Ullrich, Technik und Herrschaft, 1979

Stand: 14.Juni 2021

bisher erschienen:

Die Würde inder Arbeit

Von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft

Die Disziplinargesellschaft

Arbeiten in der Disziplinargesellschaft

 

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